Sonntag, 25. Januar 2009

Rezension: "Die Dunkelmänner" von Michael Hesemann

Religion hat in unserer heutigen aufgeklärten Zeit einen schlechten Ruf. Religiös zu sein wird von vielen Menschen in unserer Kultur als ein Makel betrachtet, widerspricht es doch unserem Ideal vom rationalen Menschen, der nur der Wissenschaft huldigt, nichts denkt, was über die Wahrnehmung seiner Sinne hinausgeht und alle anderen Überlegungen als Irrational - weil unwissenschaftlich - abtut.

Neben theoretischen und philosophischen Argumenten wird zur Begründung dieser Einstellung meist auch die Geschichte bemüht und speziell - unserem Kulturkreis entsprechend - die Geschichte der katholischen Kirche.

Sprechen nicht Hexenverfolgung, Inquisition und die Unterdrückung neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse eine deutliche Sprache? Zeigen uns nicht selbst populäre Romane und Filme zu Themen wie der Päpsten Johanna oder den Templern, dass die Kirche einigen Dreck am Stecken hat uns vieles noch immer verschweigt und uns Wissen vorenthält?

Solchen Fragen geht Michael Hesemann in seinem Buch "Die Dunkelmänner" nach. In dem er die "Mythen, Lügen und Legenden um die Kirchengeschichte" untersucht und den aufgeklärten Leser mit einigen interessanten Fakten überrascht.

So zum Beispiel, wenn man im Kapitel über den Fall "Galileo Galilei" erfährt, dass im 16. Jahrhundert der Kardinal Bellarmin, der u.a. die römische Inquisition leitete, keinen Grund sah gegen das kopernikanische Weltbild vorzugehen und es "doch sehr wohl eine 'geeignete Konstruktion zur Beschreibung des äußeren Anscheins'" sei. "Ob es wahr wäre, würde die Zukunft zeigen; bis dahin aber sollten die Wissenschaftler ungehindert forschen können."

Galilei wurde nicht verboten das kopernikanische Weltbild zu vertreten und zu lehren, sondern, da die Kirche "einen Gelehrtenkrieg, der den Kirchenfrieden gefährdete, um jeden Preis" vermeiden wollte, wurde ihm empfohlen "seine Anschauungen doch bitte als Hypothese zu formulieren, statt sie als absolute Wahrheit darzustellen […] Für die wissenschaftliche Forschung liefe es auf dasselbe hinaus, aber die Aristoteliker würden sich beruhigen! Sollten irgendwann unwiderlegbare Beweise für das neue Weltbild vorliegen, könne man immer noch daran denken, die Bibel anders als wörtlich auszulegen."

Seine spätere Verurteilung, dem die Veröffentlichung eines Buchs vorausging, erfolgte letztlich nicht aufgrund der von ihm in diesem Buch vertretenen Thesen, sondern wegen der Form in der dies geschah. "Galilei habe sich nicht der Ketzerei schuldig gemacht. Er habe allerdings - und das in schwerwiegender Weise - seine Gehorsamspflicht gegenüber dem Heiligen Stuhl mißachtet, seine eigenen Versprechen gebrochen, den Papst hintergangen."

Neben dieser bietet Hesemanns Buch weitere Zurechtrückungen der geschichtlichen Tatsachen, sei es z.B. zur Inquisition, der Hexenverfolgung, den Kreuzzügen oder auch zum heiligen Gral, Maria Magdalena oder der Beziehung der Kirche zum Nationalsozialismus.

An geschichtlicher Wahrheit interessierten Menschen kann ich dieses Buch nur empfehlen - und sei es auch nur, um auch die andere Seite einmal zu hören. Vielleicht steht man danach ja auch der Religion im Allgemeinen etwas freundlicher gegenüber.

Sonntag, 18. Januar 2009

"80%-Sozialismus"

Ich lese gerade das Buch "Jenseits von Angebot und Nachfrage" von Wilhelm Röpke und bin dabei auf zwei Absätze gestoßen, deren Tenor ich so bereits bei Roland Baader gelesen hatte. Hier zunächst das Zitat Röpkes von 1966:
"Es ist offensichtlich, daß die heutige Wirklichkeit der Marktwirtschaft, selbst im Falle Deutschlands, der Schweiz oder der Vereinigten Staaten, weit entfernt von dem Ideal ist, das die Theorie voraussetzt. In Wahrheit haben wir es mit einem <<Mischmasch-System>> zu tun, in dem es mitunter schwer ist, die marktwirtschaftliche Kernmasse zu erkennen, mit einer Kakophonie, aus der der dominierende Ton der Wirtschaftsfreiheit nicht immer klar herauszuhören ist. Wenn die Marktwirtschaft trotz eines früher unvorstellbaren Übermaßes an Eingriffen aller Art noch immer leistungsfähig geblieben ist, so ist das kein Beweis für die Harmlosigkeit oder gar den Nutzen solcher Verzerrungen und Belastungen, sondern ein solcher für die immer wieder erstaunliche Robustheit der Marktwirtschaft, die offenbar schwer umzubringen ist." [Röpke1966, S. 58-59]
Und weiter:
"[...] So viel aber ist sicher, daß ein Übermaß von Staatseingriffen, die die Marktwirtschaft von der Bahn ablenken, die ihr Wettbewerb und Preismechanismus vorzeichnen, eine Häufung von willkürlichen Verboten oder Geboten, von Abstumpfungen der Leistungsantriebe, von behördlichen Preisfestsetzungen und von Beeinträchtigungen der elementaren Freiheiten der Wirtschaft zu Fehlleitungen, Stauungen, Minderleistungen und Gleichgewichtsstörungen aller Art führt, die zunächst verhältnismäßig glatt überwunden werden, aber mit dem Maß der Eingriffe ständig wachsen und schließlich zu einer offenen Kalamität werden. Das Schlimmste ist, daß diese durch Eingriffe hervorgerufenen Störungen oft als Beweis für die Unzulänglichkeit der Marktwirtschaft selber ausgegeben und damit zum Vorwand für weitere und tiefere Eingriffe genommen werden, während eine nicht bei jedermann vorauszusetzende Einsicht nötig ist, um zu erkennen, daß die Schuld am Eingriff selber liegt." [Röpke1966, S. 59]
Knapp 40 Jahre später stellt Roland Bader fest:
"Wir erkennen ein Land mit einem staatlichen (sprich: sozialistischen) Rentensystem, mit einem staatlichen Gesundheitswesen, einem staatlichen Bildungswesen, mit staatlich und gewerkschaftlich gefesselten Arbeitsmärkten, einem konfiskatorischen Steuersystem, einer Staatsquote am Sozialprodukt von 50 %, mit einem erheblich regulierten Wohnungsmarkt, einem massiv subventionierten und regulierten Agrarsektor und einer in ein kompliziertes Geflecht zwischen Markt und Staat eingebundenen Energiewirtschaft, mit mindestens Hunderttausend Betrieben in 'kommunalem Eigentum' (= Camouflage-Wort für Verstaatlichung) und einem staatlichen Papiergeldmonopol, ja sogar mit einem Staatsfernsehen samt Zwangsgebühren. Wir erkennen ein Land, in dem fast 40 % der Bevölkerung ganz oder überwiegend von Staatsleistungen lebt und in welchem das gesamte Leben der Bürger von staatlichen Regelungen überwuchert ist. Wer diesen 80%-Sozialismus als Kapitalismus bezeichnet, muß mit ideologischer Blindheit geschlagen sein.

[...] Wir haben es also bei dem, was hierzulande (und auch in anderen Ländern) als Kapitalismus bezeichnet wird, in Wirklichkeit mit einem staatsverkrüppelten Rumpfkapitalismus und mit einem vom Sozialismus durchseuchten Schein-Kapitalismus zu tun. Walter Eucken, der Vater des (echten) Neoliberalismus, hat schon in den 50er Jahren von einem 'staatlich versumpften Kapitalismus' gesprochen und die permanente Gleichsetzung dieser Karikatur mit 'dem Kapitalismus' als die wirksamste Waffe der Antikapitalisten ausgemacht. Man sollte das deutsche Modell also realistischer als Sozialismus mit kapitalistischem Hilfsmotor bezeichnen. Erstaunlicherweise vollbringt dieser Hilfsmotor seit mindestens sechzig Jahren das Kunststück, den sozialistischen Schrottkarren voranzutreiben. Erst jetzt scheint ihm vom Übergewicht des maroden Gefährts allmählich die Puste auszugehen." [Baader2005, S. 56-57]
Als Optimist könnte man nun schlussfolgern, dass die Zustände ja wenigstens nahezu gleich geblieben sind, sich also nicht weiter verschlechtert haben und dies hoffen lässt, dass dies nun auch in Zukunft so bleibt.

Als Pessimist kommt man jedoch nicht umhin - gerade im Hinblick auf die aktuelle staatlich verursachte Krise, die, wie Röpke und Baader es ja bereits ansprachen, wieder der Marktwirtschaft in die Schuhe geschoben wird - in den nächsten Jahren weitere Verschlechterungen zu erwarten.

Insbesondere da die Öffentlichkeit mit ihrem Ruf nach immer mehr Verboten und Vorschriften, nach einem mächtigeren und konsequenteren Staat, den Totalitarismus geradezu herbeizusehnen scheint.



Literatur

[Baader2005] Baader, Roland; 2005; "Das Kapital am Pranger"
[Röpke1966] Röpken, Wilhelm; 1966; "Jenseits von Angebot und Nachfrage"

Montag, 12. Januar 2009

Menschen- und Weltbild: Lieber, leckerer, schöner. Werten (Teil II)

Steinchen hat zu meinem letzten Beitrag einige Fragen aufgeworfen, auf die ich hier eingehen möchte.

Anmerkung zum Tausch im Allgemeinen

Die Darstellung des Tauschs habe ich leider zu verkürzt und damit fehlerhaft dargestellt. Ich habe nur kurz den gesellschaftlichen Tausch beschrieben und nicht den Tausch im Allgemeinen. Das möchte ich hiermit nachholen.

Jedes Handeln ist zugleich Tauschen: "Jedes Handeln ist eine durch den Menschen hervorgerufene Veränderung. Wir pflegen eine solche provozierte Veränderung Tausch oder ein Tauschen zu nennen. Ein weniger befriedigender Zustand wird mit einem mehr befriedigenden Zustand vertauscht." [Mises1940, S. 75]

Statt zu sagen, dass ich einen Apfel gegen eine Birne tausche, könnte ich auch sagen, dass ich den Zustand in dem ich einen Apfel habe aber keine Birne, gegen den Zustand tausche, in dem ich keinen Apfel habe aber eine Birne.

Damit gilt gleiches natürlich für die Wertung: Statt also zu sagen, dass ich die Birne höher werte als den Apfel könnte ich allgemeiner sagen, dass ich den Zustand in dem ich die Birne besitze höher werte als jenen Zustand in dem der Apfel in meinem Besitz ist.

Mises unterscheidet nun noch zwischen inneren und zwischenmenschlichen Tausch:
"Jedes Handeln, auch das des isoliert gedachten Einzelnen oder das des ausnahmsweise in Vereinzelung handelnden Gesellschaftsmenschen, ist ein Tauschen. Man tauscht durch das Handeln einen weniger befriedigenden Zustand gegen einen besser befriedigenden ein. Dieses Tauschen des isoliert Handelnden wollen wir inneren Tausch nennen." [Mises1940, S. 180]
Und weiter:
"In der Tauschgesellschaft wird das gesellschaftliche Zusammenwirken der handelnden Menschen zum Tausch zwischen Menschen, zu einem Geben an Menschen und zu einem Empfangen von Menschen. Man gibt, um zu empfangen; man leistet anderen, damit sie ihrerseits wieder eine Gegenleistung vollbringen. Diesen Tausch zwischen Menschen wollen wir den zwischenmenschlichen (interpersonellen oder gesellschaftlichen) Tausch nennen." [Mises1940, S. 180]
Somit kann ich auch das Prinzip des Schenkens erklären. Ich tausche einen Zustand in dem ich ein bestimmtes Gut habe und jemand anderes unglücklich ist, gegen einen Zustand in dem derjenige das Gut hat und glücklich ist. Ich ziehe also den Zustand in welchem ich jemanden ein Geschenk (und glücklich) gemacht habe jenen Zustand, in welchem ich dies nicht tat, vor.
"Einseitiges Schenken, bei dem weder vom Beschenkten noch von anderen Menschen irgend eine Gegenleistung irgendwelcher Art erwartet wird, ist innerer Tausch." [Mises1940, S. 181]
Ich muss diese Unterscheidung jedoch nicht unbedingt durchführen. Für mich reicht es zu sagen, dass der Mensch handelt, also einen Zustand gegen einen anderen tauscht. Darin sind alle Spezialfälle enthalten (die nichtsdestotrotz von mir hätten herausgearbeitet werden sollen).

Anmerkung zum Tausch in Steinchens ersten Beispiel

Du hast zwei Wahlmöglichkeiten:
1. Verhungern
2. Brot für 1000,- € kaufen

Auch ich würde, wie du, die zweite Möglichkeit wählen, das heißt ich ziehe die zweite der ersten Möglichkeit vor. Nichts anderes sage ich ja im obigen Beitrag.

Dass ich mir natürlich unzählige bessere Zustände vorstellen kann (Brot als Geschenk, komplettes Mittagsmenü, satt sein und schön Urlaub machen, ...), ändert nichts an meiner Aussage. Ich behaupte ja nicht, dass jeder Mensch immer den besten Zustand wählt, den er sich überhaupt vorstellen kann, sondern nur, dass er aus den momentan gegebenen Zuständen, jenen auswählt, den er allen anderen gegebenen Zuständen vorzieht.

Und genau das machst du, wenn du das Brot für 1000,- € dem Verhungern vorziehst: Du handelst. Etwas anderes wäre es, wenn du bereits das Bewusstsein verloren hast und ich dir - unabhängig von deinem Willen - eine Infusion verpasse (meinetwegen auch für 1000,- €, die ich dir aus der Tasche nehme). Dann handelst du nicht. Das ist aber eben auch kein Tausch, sondern Zwang (von mir gegen dich).

Der Tausch ist also nicht nachteilig für dich, wenn du nur die zwei gegebenen Möglichkeiten betrachtest und Überleben zum angegebenen Preis für besser hältst als Sterben.
Du könntest auch anders werten und - in Form eines medienwirksamen Hungerstreiks gegen irgendetwas protestierend - beschließen, dass verhungern besser ist, als zum gegeben Preis zu überleben.

Aber in beiden Fällen handelst du und triffst die Entscheidung, welche dir unter den gegebenen Umständen als die beste von allen verfügbaren erscheint.

Anmerkung zur Rationalität

Bereits in einem früheren Beitrag habe ich darauf hingewiesen, dass ich nicht von einem "stets 'rational' seine Ziele verfolgenden Menschen" ausgehe. Ob der Mensch seine Wertung durch gründliches Nachdenken, aus dem Bauch heraus oder seiner Intuition folgend gewinnt, ist für die gemachten Aussagen nicht relevant.

Aber Achtung: Ich spreche hier von der Österreichischen Schule der Nationalökonomie. Die an den Schulen und Universitäten gelehrte Neoklassik verwendet sehr wohl das von dir zu recht kritisierte Rationalitätsprinzip.



Literatur

[Mises1940] von Mises, Ludwig; 1940; "Nationalökonomie. Theorie des Handelns und Wirtschaftens"