Montag, 22. Juni 2009

Fersehen ist nicht alles

Im Blog Staunen & Wundern stieß ich auf einen Eintrag, den ich hier gerne in Form eines eigenen Beitrags kommentieren möchte.

Auf den Blogautor wurde ich aufmerksam durch seine überlegten und erfrischend sachlichen Kommentare im Diskussionsbereich des ef-magazins. Ein Niveau, das ich leider allzu oft bei mir selbst vermisse.

In dem erwähnten Beitrag geht es um die Bereitstellung des Rundfunkangebots durch die öffentlich rechtlichen Sendeanstalten. Der Autor befürwortet diesen Zustand, da die öffentlich-rechtlichen Sender ein Angebot bereitstellen würden, welches ohne sie nicht zur Verfügung stände. Begründen tut er dies mit der Feststellung, dass es auf dem Fernsehmarkt keinen funktionierenden Marktmechanismus gäbe, der einen gezielten Kauf von Produkten zu einem definierten Preis ermögliche.

Ich halte diese Überlegung jedoch für voreilig und ungenügend durchdacht, denn kann ich auf diese Weise nicht für jeden Markt zeigen, dass kein Marktmechanismus existiert - wenn ich ihn nur genügend abgrenze?

Wenn ich nur die Straße um die Ecke betrachte und dort nur einen Imbiss sehe, kann ich dann daraus schließen, dass in dieser Straße der Gastronomiemarkt nicht funktioniert, weil dieser Imbiss ja eindeutig ein Monopol inne hat? Und außerdem bietet dieser Imbiss nur Pommes und Currywurst an, aber keinen Salat oder frisches Obst, was für mich als Vegetarier nur ein Versagen des Marktes sein kann.

Ich hoffe doch, dass man mich dann völlig korrekt darauf hinweist, dass ich nicht nur eine einzelne Straße betrachten darf, sondern dies zumindest für das gesamte Viertel, den Stadtteil oder gar die ganze Stadt tun sollte. Auch sollte ich nicht nur Imbisse einbeziehen, sondern auch Gaststätten, Kneipen, Cafes und vielleicht sogar Supermärkte.

Und selbst wenn dann immer noch nicht das von mir gewünschte Produkt angeboten wird (z.B. Tofuburger mit Algenbelag) ich aber der Meinung bin, dass danach eine riesige Nachfrage besteht, gilt es zu analysieren, wie hoch die Hürden sind, um dieses Produkt selbst anzubieten - also wie hoch die Markteintrittsbarierren sind.

Und nur wenn diese unüberwindlich sind, kann meinetwegen von einem unfreien Markt gesprochen werden.

Reicht es also, um auf das eigentliche Thema zurück zu kommen, aus, nur den Fernsehmarkt zu betrachtet oder sollte man unter Beachtung der Funktionen des Fernsehens doch eher die kompletten Informations-, Unterhaltungs-, Nachrichten- und Bildungsmärkte betrachten?

Dann wird das Fernsehen aber sogleich mit Büchern, Zeitschriften, Zeitungen, Seminaren, DVDs, Theatern, Kinos, Freizeitparks, Spieleabenden und neben noch vielem anderen, nicht zu vergessen, dem Internet als Konkurrenten konfrontiert.

Und hier stellen sich mir nun folgende Fragen:

Ist jenem, der das Fernsehen als Quelle von Unterhaltung und Zerstreuung betrachtet, nicht evtl. besser gedient, wenn er die GEZ Gebühren in das Ausleihen von DVDs oder das Abo einer Online-Videothek investiert? Oder in den Besuch von Kinos oder Theatern?
Und wird der Freund des Voyeurismus nicht sowieso bei den Privatsendern besser bedient?

Würde jener, der Bildung sucht zum Fernseher greifen oder die GEZ-Gebühren eher zum Kauf von Fachzeitschriften, Büchern oder zur Finanzierung von Kursen und Seminaren verwendenden?

Kommt jener, der immer aktuell, ausführlich und differenziert informiert sein will, mit dem Abonnement einer Tages- oder Wochenzeitung nicht auch und evtl. sogar besser an sein Ziel?

Und können nicht inzwischen alle drei zusammen im Internet ihre Wünsche auch reichlich erfüllen und dort sogar obendrein von ihnen vermisste Angebote durch eigenes Tun, mit so geringen Kosten wie nie zuvor, bereitstellen?

Ist das Fernsehen (oder auch das Radio. Auf Internetradio bin ich jetzt gar nicht eingegangen) wirklich das einzige Medium, dass unsere Wünsche nach Unterhaltung, Wissen und Kommunikation erfüllen kann? Und ist diesen Medium so wichtig, dass wir einen Dienst innerhalb dieses Mediums mit einer Zwangsgebühr finanzieren müssen, die wir so nicht mehr zur eigenen Verwendung haben?

Ist also, auf den Punkt gebracht, der Nutzen für den einzelnen den er aus den öffentlich rechtlichen Sender zieht größer als der Nutzen den er gewinnen würde, wenn er jene Gebühren nach eigenem Willen verwenden könnte?

Mittwoch, 10. Juni 2009

Gedankenschnipsel: Freiwilligkeit

In den letzten Tagen habe ich - auch in Bezug auf den letzten Eintrag - über Freiwilligkeit und Zwang nachgedacht. Wann ist eine Handlung also freiwillig und wann erfolgt sie unter willkürlichen Zwang.

Ich kam dabei nicht so ganz auf einen befriedigenden Punkt. Ich hatte zwar einige interessante Überlegungen dazu, die aber - bildlich gesprochen - doch noch ziemlich frei schwebend sind und bei etwas stärkerer Betrachtung immer wegflutschen :-).

Jetzt kam mir aber eine Idee, die zwar noch keine tolle vollendete Theorie liefert, die aber vielleicht gut als Ausgangspunkt weiterer Betrachtungen dienen kann:

Ich glaube, dass Freiwilligkeit einer Handlung nicht objektiv festgestellt werden kann, sondern nur eine subjektive Charakterisierung ist.

Ein Mensch handelt dann freiwillig, wenn er glaubt, dass er freiwillig handelt. Und dementsprechend auch umgekehrt: Ein Mensch handelt dann unfreiwillig, wenn er glaubt, dass seine Handlungen unfreiwillig sind.

Das ist zwar vor allem für mich keine befriedigende Aussage, weil ich nun nicht mehr sagen kann, diese und jene Organisation der Gesellschaft führt zu mehr Freiheit oder eben Unfreiheit. Es hängt also nach obiger Aussage von den jeweiligen Menschen ab, wie sie die Verhältnisse subjektiv empfinden.

Dennoch glaube ich, dass ich mit diesem Ansatz in meinen Überlegungen weiterkomme als mit einem objektiven Ansatz. Auch dürften sich in Diskussionen mit diesem Argument einige Streitigkeiten auflösen lassen.

Was halten meine (beiden :-)) Leser davon?

Montag, 1. Juni 2009

Ethik vor der Raststätte

...die Tür aber war verschlossen.
Oh Mann! Die Tür war verschlossen! Der war gut.
Ja, aber pass lieber auf, dass du das Lenkrad ruhig hältst!
Der beste Witz, den ich je gehört habe.
Du bist halt leicht zu erfreuen.

Karl schaute aus dem Fenster auf die vorbeiwandernden Bäume des Waldes.
Worüber habt ihr gestern eigentlich noch geredet? Ich habe euch bis drinnen gehört.
Oh, ich hoffe wir haben euch nicht gestört.

Ach hör auf zu grinsen! So laut ward ihr auch nicht, aber ihr schient lebhaft zu diskutieren.
Das Übliche.

Wie man am besten Nudeln kocht?
Nein, Ethik und Wissenschaft.

Was Wissenschaft darf und was nicht und welche ethische Verantwortung der einzelne Wissenschaftler hat?
Nein. Zumindest nicht direkt. Es ging eher um die Frage, ob man ethische Prinzipien, also Normen, wissenschaftlich begründen könne.

Und zu welchem Ergebnis seit ihr gekommen?
Dass es zumindest einen interessanten Ansatz gibt.

Nun spann mich nicht auf die Folter! Erzähl schon!

Nun, ich bezog mich bei dem Gespräch auf Hans Herman Hoppe, der sich unter anderem mit diesem Thema in seiner Arbeit "Eigentum, Anarchie und Staat" beschäftigt.

Zu Beginn stellt Hoppe die Frage, was unter einer wissenschaftlichen Begründung zu verstehen ist, "um dann die Begründungsfähigkeit auch von Normen zu demonstrieren."

Toll, wie du so schön in Zitaten sprechen kannst.

"Eine Lappalie", wie Alberto in "Sofies Welt" zu sagen pflegte. Aber nun weiter im Text.

Ich bitte darum!

"Eine Aussage", so Hoppe, "gilt als begründet, wenn man sie als objektiv gültig nachweisen kann, im Unterschied zu Aussagen, die lediglich auf subjektiver Einbildung oder Geschmack beruhen."

Soweit komme ich noch mit.

Aber sehr viel weiter hilft uns das auch nicht, denn was bedeutet "objektiv gültig"? Hoppe stellt dazu, mit Bezug auf Popper, fest, dass "Objektivität durch Intersubjektivität definiert" wird.

Also nur wenn die subjektiven Aussagen aller Menschen übereinstimmen, dann sind diese Aussagen objektiv?

Diese Frage stellt auch Hoppe und antwortet: "Natürlich nicht! Wenn man so weit ginge, gäbe es in den gesamten Wissenschaften nicht eine einzige objektiv begründete Aussage. Und eine so weitgehende Forderung wäre auch unsinnig: Man weiß nämlich, daß es Personen gibt, die, weil Zeit knapp ist, etwas Besseres zu tun haben als an dem Prozeß der Überprüfung von Aussagen teilzunehmen; wir wissen, daß es Personen gibt, die intellektuell unfähig sind, bestimmte Aussagen zu überprüfen; wir wissen, daß es Personen gibt, die, trotz Zeit und intellektuellem Vermögen, kein Interesse an der Verbreitung wahrer, sondern falscher Informationen haben; und schließlich wissen wir, daß Personen, trotz Teilnahme am Überprüfungsprozeß, weil sie unter Gewaltandrohung stehen, überhaupt nicht als autonome Subjekte mit einer eigenen Meinung gewertet werden können, und somit als objektivierende Instanz von vornherein ausfallen."

Ist Wissenschaft also eigentlich gar nicht möglich, weil letztlich keine Aussage intersubjektiv gültig und damit auch objektiv gültig sein kann?

Zumindest nicht in dem Maße einer universellen Zustimmung aller Menschen. Der Wissenschaftler ist da aber auch etwas pragmatischer: "Angesichts der Existenz von Schwachköpfen, Lügnern usw. verlangt er jedoch von Aussagen, um als objektiv gelten zu können, nur, daß sie im Prinzip intersubjektiv überprüfbar sein müssen: objektiv begründete Aussagen sind demnach solche Aussagen, denen jedermann qua autonomes (d. i. nicht unter Gewaltandrohung stehendes) Subjekt zustimmen kann, vorausgesetzt, man ist als solches ausschließlich an der Wahrheit interessiert, man ist hierzu intellektuell befähigt, und man hat im übrigen nichts Besseres zu tun, als Aussagen zu überprüfen."
Und "[a]uf diese Weise lassen sich auch Normen begründen," behauptet nun Hoppe.

Na da bin ich mal gespannt.

Da muss ich dich enttäuschen, denn sonderlich spannend wird es nicht mehr, die entscheidende Sache ist bereits gelaufen.

Äh, wie meinen?

Die eben formulierte Bedingung für die Begründbarkeit einer Aussage ist eine Norm; eine normative Anforderung an einen Prozess, damit dieser als wissenschaftlich gelten kann. "Wann immer nämlich ein Wissenschaftler behauptet, bestimmte Aussagen könnten als begründet gelten, muß er bereits eine bestimmte Norm als begründet unterstellen - und zwar die Norm 'du darfst, wenn du irgend etwas, ganz gleich was, als begründet nachweisen willst, keine physische Gewalt gegen irgendjemanden ausüben oder androhen'."
Und Hoppe präzisiert: "Die Norm 'keine Person hat das Recht, anderen Personen gegenüber physische Gewalt anzuwenden oder anzudrohen' ist also (kantisch gesprochen) die Bedingung der Möglichkeit von wissenschaftlichen Begründungen und muß insofern ihrerseits als begründet gelten: 'Begründen' heißt 'gewaltfrei begründen', und Gewaltfreiheit muß darum von jedem Wissenschaftler immer schon, ob ihm dies bewußt ist oder nicht, als allgemein anerkennungsfähig unterstellt werden."

Halt, halt! Das ging mir jetzt etwas zu schnell.

Das von Hoppe angewandte Prinzip entstammt der Diskursethik von Habermas, mit der ich mich, um der Wahrheit die Ehre zu geben, allerdings nicht beschäftigt habe. Die Idee ist jedoch, wie vielleicht deutlich geworden ist, dass, wenn Menschen zusammen kommen, um sich über ethische Prinzipen auszutauschen und zu einigen, sie nicht bei Null beginnen müssen, sondern sich bereits implizit durch die Form ihres Diskurses auf grundlegende Normen geeinigt haben.

Hoppe betrachtet nun nicht einen allgemeinen Diskurs aller Menschen, was gewisse Probleme mit sich bringen würde, sondern fokussiert auf den wissenschaftlichen Diskurs, der bereits wesentlich strikter "normiert" ist. Er kann dies machen, weil er mit seiner Fragestellung auch nur ein wissenschaftliches Publikum ansprechen will. Oder kurz: Der religiöse Fanatiker wird sich von Hoppes Argumentation nicht sonderlich beeindrucken lassen. Mit diesem will Hoppe aber auch gar nicht über Ethik diskutieren, sondern mit Wissenschaftlern.

Ist das denn notwenig?

Das können wir diskutieren, nachdem wir eine Pause gemacht haben. Die Natur verlangt nach ihrem Recht.



Literatur:
Hoppe, Hans-Hermann: Eigentum, Anarchie und Staat: Studien zur Theorie d. Kapitalismus/Hans-Hermann Hoppe. - Opladen: Westdeutscher Verlag, 1987. (Studien zur Sozialwissenschaft, Bd. 63) ISBN 3-531-11811-0, Online: http://docs.mises.de/Hoppe/Hoppe_Eigentum_Anarchie_Staat.pdf