Dienstag, 24. August 2010

Dienst am Staat schadet der Gemeinschaft

Mit seinem letzten Beitrag hat Steinchen mir ja geradezu den Fehdehandschuh hingeworfen :-). Er macht den Vorschlag, den bestehenden staatlichen Arbeitszwang nicht abzuschaffen, sondern ihn nur von seiner militärischen Komponente zu befreien.

Mit diesem Vorschlag (wie mit vielen anderen auch) kann man sich auf zwei Arten auseinandersetzen.

Zum einen ethisch: Wie ist der Vorschlag nach allgemein anerkannten ethischen Prinzipien zu bewerten? Hier müssen jedoch zuerst diese allgemein anerkannten (wenigstens unter den beiden Diskutanten) Prinzipien gefunden werden.

Zum anderen kann der Vorschlag ökonomisch untersucht werden. Hier lautet zunächst die Frage, welche subjektiven Ziele nach Ansicht des Autors mit der vorgeschlagenen Maßnahme erreicht werden sollen. Darauf aufbauend kann dann untersucht werden, ob das vorgeschlagene Mittel geeignet ist, diese Ziele zu erreichen.

Beide Wege bieten genug Stoff um etliche Blogeinträge zu füllen und die eine oder andere wissenschaftliche Arbeit auf die Beine zu stellen. Dafür kann man auch schon auf genügend Vorarbeiten aufbauen. Ich begnüge mich jedoch einfach nur mit einigen ökonomischen Überlegungen und möchte dabei auch gar nicht den Anschein von Wissenschaftlichkeit erwecken. Die folgenden Thesen sind also ungeprüft und unbewiesen, stehen aber der Falsifizierung offen :-).

Beginnen wir mit der Frage, welches gewünschte Ziel mit dem Zwangsdienst erreicht werden soll? Steinchen gibt hier an, dass Tätigkeiten durchgeführt werden sollen, die "der Gesellschaft als Gemeinschaft" dienen. Weiter glaubt er, dass "ein derart gestalteter Dienst [...] das Zusammengehörigkeitsgefühl dieser Gesellschaft stärken und gleichzeitig auf Akzeptanz stoßen" könne. Der Dienst solle außerdem der "heutigen Separation der Schichten entgegen" wirken und biete "auch die Chance einen Einblick in ein Berufsfeld zu bekommen, bevor man eine Lehre oder ein Studium aufnimmt."

Können diese Ziele durch eine allgemeine Dienstpflicht erreicht werden?

Wer im Rahmen des Pflichtdienstes beschäftigt ist, steht nicht für andere Tätigkeiten zur Verfügung. Diese anderen Tätigkeiten sind für die Gemeinschaft jedoch wesentlich nützlicher als die Pflichtdiensttätigkeit. Wäre dem nicht so, wäre die Gemeinschaft bereit (meinetwegen in Form des Staates) für diese Tätigkeit einen solchen Betrag zu zahlen, dass sich genug Freiwillige finden würden, diese Tätigkeit gegenüber schlechter bezahlten (und damit als weniger nützlicheren demonstrierten) Beschäftigungen vorzuziehen. Der Gesellschaft werden also Arbeitskräfte aus für sie wichtigen Bereichen entzogen und in für sie unwichtigere verlagert. Ein Verlust für die Gemeinschaft.

Ebenso trägt der Dienstverpflichtete (der ja auch Teil der Gemeinschaft ist) einen Schaden davon, da er ohne den Zwangsdienst in einer für ihn bevorzugteren Situation (nicht nur finanziell, sondern auch wohnortsbezogen, sozial und familienplanerisch) wäre.

Auch die in diesem Bereich regulär Beschäftigten erleiden Einbußen, da sie durch den Pflichtdienst eine lohndrückende, staatlich subventionierte, billige Konkurrenz bekommen (wie die Pflegeberufe durch den Zivildienst heute leider schon).

Dem sozialen Engagement dürfte der Pflichtdienst ebenfalls abträglich sein. Je mehr sich der Staat auf die Fahnen schreibt, sich um die Schwachen, die Hilfsbedürftigen, die Umwelt zu kümmern, umso mehr macht sich in der Bevölkerung eine Gleichgültigkeit und Verantwortungslosigkeit gegenüber den anderen breit. Zum einen fragen sich immer mehr, warum man sich selbst denn um andere kümmern solle, denn dafür gäbe es doch den Staat. Zum anderen nimmt die freiwillige Hilfe schlicht deswegen ab, weil der Staat, um den Zwangsdienst (oder andere "Sozialleistungen") zu finanzieren, diese Mittel (eben auch die Arbeitskraft und -zeit) erst der Gemeinschaft entwenden muss und diese dieser dann nicht mehr für freiwilliges Engagement zur Verfügung stehen.

Auch wirkt der Zwangsdienst für jede weitere gemeinnützige (also freiwillige :-)) Tätigkeit abschreckend. Da die Dienstverpflichteten ja nicht die Wahl haben zu gehen wenn es ihnen nicht gefällt, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sie von den sie einsetzenden Institutionen eher schlecht behandelt und ausgebeutet werden. Zurück bleiben nach Ende des Dienstes oft genug Wut, Frust und Resignation. Den Institutionen kann's egal sein. Die bekommen ja mit dem nächsten Jahrgang wieder neue Dienstverpflichtete, die außerdem ein wunderschönes Druckmittel für die regulär Beschäftigten sind (siehe oben!).

Wie kann der Pflichtdienst der Separation der Schichten entgegenwirken? Welchen Nutzen haben die untersten Schichten, dass sie 10 Monate mit Personen aus anderen Schichten zwangsverbunden werden?*
Nach diesen 10 Monaten geht man wieder auseinander, ohne wieder etwas voneinander zu hören. Wer dennoch Kontakte knüpft, der hätte dies auch ebenso in Sportvereinen, beim Fußballspiel oder bei Campingausflügen getan – ohne Zwang.
Am ehesten wäre den untersten Schichten geholfen, wenn man Hindernisse beseitigt, die ihren Aufstieg im Wege stehen - wie z.B. Pflichtdienste, die ihren Berufsstart verzögern oder ständig unterbrechen.

Dem Argument des Einblicks in ein Berufsfeld stehe ich etwas ratlos gegenüber? Gibt es denn kein Praktikum mehr? Ich dachte die "Generation Praktikum" wird allenthalben beklagt, weil die nichts anderes zu tun bekommt als Praktika. An Einblicken in Berufsfelder scheint es also nicht zu mangeln. Ok, das war zynisch, aber welchen gesellschaftlichen Nutzen sollen in diesem Umfeld Zwangspraktika bringen?

Fassen wir zusammen: Meinen Thesen nach ist der Pflichtdienst eine Fehlallokation von Mitteln (Arbeitskraft, Finanzen), verzehrt den Arbeitsmarkt und vermindert die Qualität der Leistungen. Dies fügt der Gesellschaft einen ökonomischen Schaden zu und verringert ihren Wohlstand. Die Zwangssolidarität führt zu einem Abstumpfen gegenüber den Schwachen und hemmt das freiwillige soziale Engagement. Aus meiner Sicht, ist die Dienstpflicht nicht nur nicht geeignet die gewünschten Ziele zu erreichen sondern ist ihnen sogar abträglich.




* Welche Form nimmt eigentlich eine Persönlichkeit an, die beginnend mit der Einschulung (bald auch Kindergarten) bis zur Volljährigkeit zwangssozialisiert wird? Ist das ein Verfahren an dessen Ende mündige, selbstständige und verantwortungsvolle Bürger stehen sollen? Wieso wird, wenn wieder ein deutscher Schüler in seiner Bildungseinrichtung Amok läuft, bedeutungsvoll darauf verwiesen, dass er "Killerspiele" auf seinem Rechner hatte, aber niemals erwähnt dass alle diese Schüler von einer Institution sozialisiert wurden, die den Kindern von Anfang an beibringt, dass Gewalt ein legitimes Mittel zur Erreichung von Zielen ist? Weit hergeholt? Zumindest nicht weiter als der Zusammenhang mit First-Person-Shootern.

Dienstag, 10. August 2010

Übersetzungswiki

Kennt jemand meiner beiden Leser vielleicht ein Übersetzungswiki? Ich stelle mir das folgendermaßen vor:

Jemand stellt einen freien Text in ein Wiki ein und unterteilt ihn in kleinere, separat bearbeitbare Abschnitte. Zusätzlich ist die Seite noch zweigeteilt. Auf der linken Seite befindet sich der Originaltext und auf der rechten Seite die noch nicht vorhandene, aber hoffentlich bald entstehende Übersetzung in der angegebenen Zielsprache.

Wenn nun ein zufälliger Leser meint, "ach diesen einen Absatz kann ich mal eben übersetzen," dann tut er das einfach. Ebenso kann er auch nur einen Satz übersetzen. Oder er verbessert Fehler in bestehenden Übersetzungen usw.; das Wiki-Prinzip eben.

Nach und nach wächst so die Übersetzung (vielleicht auch in verschiedenen Sprachen).

Kennt jemand vielleicht so eine Plattform?

Samstag, 7. August 2010

Argumentationskultur

Ein Großteil der politischen Positionierungen und Auseinandersetzungen in Blogs und Foren (gleichgültig welcher Ausrichtung) erfolgt nach folgenden Prinzip: Ich verfolge gute, edle, moralische Ziel und die Mittel, Wege und Maßnahmen die ich vorschlage sind dazu geeignet, diese Ziele zu erreichen. Wenn Du gegen meine Vorschläge bist, dann nur, weil Du gegen die Ziele bist, die ich verfolge. Deine Ziele sind folglich böse, niederträchtige und selbstsüchtig.

Diese Methode ist gut für das Ego und das einem zugeneigte Publikum, der Sache jedoch und den zu erreichenden Zielen schadet es. Denn auch wenn es schwer fällt es zuzugeben: Sehr wahrscheinlich strebt mein Gegenüber nach den gleichen Zielen.

Diese Erkenntnis erlaubt uns zwar nicht mehr, uns auf ein moralisches Podest zu stellen, sondern zwingt uns auf den Boden der Argumentation, was verbunden ist mit der Gefahr selbst widerlegt zu werden.

Aber wiegt der Gewinn den wir davon tragen - Überzeugen eines ehemaligen Gegners, aber eben auch Abkehr von unseren falschen Überlegungen, was beides unseren Zielen zum Vorteil gereicht - nicht schwerer als die Verletzung unseres Stolzes? Leichter gesagt als getan.

Rolf W. Puster jedenfalls forderte zu solch einer mittelbezogenen Diskussion in seiner Rede auf dem diesjährigen Libertären Jahrestreffen auf:
"Bei allem Verständnis für die libertäre Aversion gegen die gutmenschlichen Dauerappelle an unser soziales Gewissen - die libertäre Botschaft hat weit mehr zu bieten, als nur das Klischee des kaltschnäuzigen Yuppies zu bedienen. Es scheint mir daher eine inhaltliche Verengung und eine strategische Torheit zugleich zu sein, das ungehobene Potenzial der libertären Botschaft einfach links liegen zu lassen."
Nicht gegen die "linken Ideale""einer von Armut, Hunger und Krankheit freien Welt", die selbst man ja sehr wahrscheinlich teilt, solle man argumentieren, sondern gegen die Mittel die typischerweise zu ihrer Erreichung vorgeschlagen werden.
"Das ungehobene Potenzial der libertären Botschaft sehe ich in ihren Antworten auf die Frage, wie sich die linken Ideale der Weltverbesserung am besten realisieren lassen: Wer eingesehen hat, dass zentralplanerische Zwangsausübung die Erreichung der besagten moralischen Ziele nicht nur nicht befördern kann, sondern geradezu verunmöglichen muss, der wird bereit sein, der Freiheit eine Chance zu geben. Es sind also argumentativ vermittelbare ökonomische Einsichten, die die folgende, paradox anmutende Wirkung haben können: Aufgeklärte Linke werden zu Libertären, die den Sozialismus bekämpfen, weil sie seine Unfähigkeit, die Welt wirklich zu verbessern, durchschaut haben."