Montag, 29. Dezember 2008

Menschen- und Weltbild: Lieber, leckerer, schöner. Werten

Im letzten Eintrag habe ich festgestellt, dass jeder Mensch Ziele (Absichten, Wünsche) verfolgt. In einem Kommentar habe ich noch präzisiert, dass mit "Zielen" nicht nur weitreichende, langfristige und "edle" Zwecke gemeint sind, wie "den Nobelpreis bekommen" oder "die Armut auf der Welt beenden" , sondern auch Trivialeres wie "morgens um sieben aufstehen" oder "jetzt ein Stück Schokolade essen".

In diesem Eintrag möchte ich mich mit der Wertung der Ziele eines Menschen befassen.

"Handeln ist bewusstes Verhalten." [Mises1940, S. 11] Handeln erfordert ein Ziel und die dieses Ziel zu erreichen versuchende Tat. Werde ich von einem Auto angefahren und wird daraufhin mein Körper einige Meter durch die Luft oder über den Boden befördert, so ist dies zwar eine Interaktion mit der Welt, aber kein Handeln, da ich diese Bewegung weder angestrebt habe, noch sie steuern kann. Ich habe, was diesen Vorgang betrifft, schlicht keine Wahl.

Handeln hingegen setzt eine Wahl zwischen mehreren Handlungsmöglichkeiten (und seien es auch nur zwei) voraus. Nur dann bin ich ein aus eigenem Antrieb handelndes Subjekt und kein nur äußeren Kräften unterworfenes Objekt.

Handeln ist somit immer auch Werten. In dem Moment, in dem ich handle, habe ich mich zuvor für eine der mir zu jenem Zeitpunkt zur Verfügung stehend erscheinenden, sich jeweils ausschließenden Möglichkeiten entschieden - und damit gegen alle anderen. Ich habe diese eine Möglichkeit also allen anderen vorgezogen. Ich habe gewertet.

Wenn morgens der Wecker klingelt habe ich z.B. die Wahl aufzustehen oder liegen zu bleiben (und erst in 10 Sekunden aufzustehen, oder in 5 Minuten, oder in einer Stunde usw.). Zum Frühstück könnte ich Tee, Kaffee, Milch, Cola oder auch Geschirrspülmittel trinken. Welchen Tee trinke ich? Wie viel Wasser gieße ich ein? Trinke ich überhaupt etwas? Lese ich diese blödsinnige Aufzählung weiter? Ich denke der Gedanke ist klar :-).

Der Leser mag ob der Trivialität des Gesagten gelangweilt die Augen rollen, aber ich muss aus dem Trivialen noch einen weiteren, ebenso offensichtlichen und aus dem alltäglichen Leben bekannten Punkt herausstellen: Wertung ist subjektiv. Verschiedene Menschen können die selben Ziele verschieden Werten. Dies dürfte sich wahrscheinlich schon so gut wie allen Menschen z.B. bei Dingen wie Speisen, Kleidung, Musik, Wohnorten, Karrierevorstellungen, Lebensmodellen oder auch Gesellschaftsmodellen gezeigt haben.

Ich möchte auch betonen, dass die Wertung die ein Mensch vornimmt nicht in Stein gemeißelt ist. An einem Tag mag er lieber eine Cola als ein Wasser trinken. An einem anderen Tag mag dies umgekehrt sein. Ja, von einen Augeblick zum nächsten mag mir die Entscheidung, welche ich gerade traf und mir als die beste erschien nun schon als die schlechter erscheinen.

Der Mensch zieht beim Werten auch immer nur vor oder stellt zurück. Er bildet keine (berechenbaren) Verhältnisse. Er mag die Spagetti dem Hamburger vorziehen, aber er kann nicht aussagen um wie viel er die Spagetti lieber mag als den Hamburger. Jemand mag das eine Musikstück einem anderen vorziehen, aber er wird nicht in der Lagen sein zu erfassen, ob er das Lied nun 2 mal lieber hat als das andere, oder 2,3 mal oder nur 1,04 mal. "Es gibt im Werten keine Rechnungsoperationen und kein Rechnen mit Werten." [Mises1940, S. 87]

Auch ein (intersubjektiver) Vergleich von Wertungen ist nicht möglich. Wenn der eine rot lieber mag als blau und der andere blau lieber als grün, lässt sich daraus keine objektive Wertskala herleiten (z.B. in der Form "rot ist allgemein beliebter als blau, das wiederum ist beliebter als grün usw.").

Der Tausch

Dass Menschen verschieden werten, erklärt auch warum Menschen (freiwillig) miteinander Waren tauschen: Gerade weil der eine das Gut, welches er hergeben will weniger schätzt als das, welches er bekommt und auch nur dann wenn zugleich sein Tauschpartner genau die entgegengesetzte Wertung vornimmt, wird getauscht. Wäre Peter im Besitz eines Apfels und ich im Besitz einer Birne aber wir beide würden eine Birne höher schätzen als einen Apfel, so würde kein Tausch stattfinden.

Es mag sein, dass sich nach vollzogenem Tausch die Wertung eines oder gar beider Tauschpartner so verändert, dass der Tausch im Nachhinein als nachteilig betrachtet wird. Das ändert jedoch nichts daran, dass sich zum Zeitpunkt des Tauschs beiden Seiten einen Gewinn davon versprochen haben, sonst hätten sie nicht getauscht.

Dies ist jedoch die einzige Aussage die diesbezüglich über den Tauschgewinn gemacht werden kann. Da Wertungen nicht miteinander verglichen werden können, ist es nicht möglich zu sagen, wer bei einem Tausch "mehr Gewinn" oder "einen größeren Gewinn" macht. Jede diesbezügliche Aussage eines Beobachter des Tauschs ist nur eine Aussage über seine eigene subjektive Wertung und kann sich somit von der eines weiteren Beobachters unterscheiden.

"Gewinn und Vorteil sind psychische Zustände, die nicht gemessen und nicht gewogen werden können. Es gibt ein Mehr oder ein Weniger an Befriedigung und Behebung von Unbefriedigtsein, doch wie weit eine Befriedigung eine andere übertrifft, kann nur empfunden, nicht festgestellt und objektiv angegeben werden. Das Werturteil misst nicht, es skaliert; es drückt Rangordnung und Reihung, aber nicht Maß und Gewicht aus. Nur die Ordnungszahlen, nicht auch die Kardinalzahlen stehen uns für den Ausdruck der Werturteile zur Verfügung." [Mises1940, S. 75]


Literatur

[Mises1940] von Mises, Ludwig; 1940; "Nationalökonomie. Theorie des Handelns und Wirtschaftens"

Kommentare:

  1. Ok, soweit fast kein Einspruch. Allerdings bin ich manchmal gezwungen einen Tausch vorzunehmen, selbst wenn ich weiß, dass er nachteilig für mich ist. Beispiel: Ich verhungere gerade und du bietest mir 1kg Brot für 1.000 Euro. Ich muss diesen Tausch eingehen, auch wenn ich es nicht will. Nach deiner Definition oben wäre das also ein Nicht-Handeln (wie ich werde vom Auto angefahren und fliege durch die Luft). Es kann also auch beim Nicht-Handeln ein Tausch zu Stande kommen. Es gilt also nicht, dass ein Tausch immer eine Handlung voraus setzt.

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  2. Sorry, doch noch einen Einspruch. Was mich stört an deiner Darstellung zu Handeln-Wertung-Tausch ist die angenommene Rationalität. Das ist jetzt kein spezielles Problem in deiner Darstellung, aber man findet es in vielen "Wirtschaftstheorien". Ich würde aber behaupten, wir handeln oftmals irrational. Wir tauschen also, obwohl es rational keinen Sinn macht. Schlimmer noch, wir handeln oft rein intuitiv. Beispiel: Ein Freund surfte nachts im Netz rum, weil im langweilig war. Er kam auf eine Seite, auf der man sich Basecaps bestellen konnte. Er kaufte sich ein Basecap. Dabei machte er keine Wertung, ob der Preis passt oder nicht, sondern er kaufte einfach, weil ihm langweilig war. Er hätte genausogut auf einer Seite für Küchenzubehör landen können und hätte da genauso gekauft. Anderes Beispiel: Großeltern geben dem Enkel Geld ohne dass dieser eine Gegenleistung erbringt. Ich glaube nicht, dass die Großeltern in so einer Situation eine Wertung vornehmen, sondern sie tun es einfach.

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  3. Blogspot/Blogger unterstützt leider keine trackbacks und die JavaScript-Lösung gefällt mir nicht so gut. Deswegen der Hinweis auf einen beziehenden Beitrag hier von Hand:

    http://pudelskern.blogspot.com/2009/01/menschen-und-weltbild-lieber-leckerer.html

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