Montag, 9. November 2009

Solidarität

Zugegeben, ich selbst verwende das Wort "solidarisch" kaum, sondern eher Worte wie "mitfühlend", "beistehend", "helfend" oder auch nur "daumendrückend". Zumindest verstehe ich, was mein Gegenüber meint, wenn er dieses Adjektiv in Sätzen wie "er verhielt sich solidarisch", "für ein solidarisches Miteinander" oder (deswegen "daumendrückend") "die Menschen in X solidarisieren sich mit den Menschen in Y."

Korrekterweise sollte es jedoch heißen: Zumindest verstand ich bisher, was mein Gegenüber meinte. Anscheinend ist die Bedeutung von Solidarität eine andere.

Ich ging bisher immer davon aus, dass Solidarität auch eine Aussage über die Motive der Handelnden macht; dass ein solidarisches Handeln immer auch ein freiwilliges Handeln darstellt. Ich wäre, um ein extremes Beispiel zu wählen, nie auf die Idee gekommen, zu behaupten, ein Sklave verhielte sich solidarisch gegenüber seinem Sklavenhalter, nur weil der erste ja etwas für den zweiten tut.

Auch dem auf der Straße Ausgeraubten würde ich nicht Solidarität mit den Kindern des Räubers unterstellen, nur weil ihr Essen diesmal mit seinem Geld gekauft wurde.

Der Leser mag das Verhalten des Räubers für vertretbar halten, da er damit ja den Hunger seiner Kinder stillt (Doch woher wissen wir, dass dafür nun die Kinder des Ausgeraubten nicht hungern müssen? Thema eines anderen Textes). Mir geht es in diesem Text nicht um die ethische Bewertung der Handlungen, sondern nur um deren Bezeichnung als "solidarisch", und wie der Leser nun inzwischen zur Genüge erfahren hat, war die Freiwilligkeit für mich bisher immer eine notwendige Komponente, neben der reinen Gabe und Tat.

Aus diesem Grund sind staatliche Zwangs-"Versicherungen" für mich nicht solidarisch, sind die dort Hineingezwungenen nicht solidarisch zueinander, ebensowenig wie von irgendeinem "Solidarprinzip" gesprochen werden kann.
Noch einmal: Man mag diese Zwangsinstitutionen für unbedingt notwendig halten. Man mag sie als das kleinere Übel zu anderen Alternativen ansehen – das ist nicht die Diskussion dieses Artikels. Aber sie haben nichts mit Solidarität zu tun.

Aber wie bereits erwähnt, habe ich mich bei diesem Punkt anscheinend geirrt. Auch unfreiwilliges Handeln ist also solidarisch. Ja sogar mehr noch: Nur noch unfreiwilliges Handeln ist solidarisch.

Jedenfalls kann ich mir nur so erklären, dass, wenn ich gegen Zwangsinstitutionen und für freiwillige Hilfe argumentiere, gegen anonyme und menschenverachtende bürokratische Prozesse und für Mitmenschlichkeit und Hilfe in kleinen überschaubaren Organisationen, dass mir dann vorgeworfen wird, ich würde die "Solidargemeinschaft" zerstören oder das "Solidaritätsprinzip" aufkündigen.

Man kann, wie oben bereits erwähnt, meine Ideen für unrealistisch halten oder für ineffizient. Man mag Zwang als ein bedauerliches aber für das zu erreichende Ziel unumgängliche Mittel halten. Aber glaubt man wirklich, dass das irgendetwas mit Solidarität zu tun hat?

Mittwoch, 14. Oktober 2009

Wirtschaftsnobelpreis für Elinor Ostrom

Vorgestern gab das Nobelpreiskomitee bekannt, dass der diesjährige Wirtschaftsnobelpreis an die Wissenschaftler Elinor Ostrom und Oliver E. Williamson geht.

Elinor Ostrom wird damit für ihre Arbeit über öffentliche Güter ausgezeichnet.

Da dieses Thema mich sehr interessiert, bin ich dem Komitee und den berichtenden Medien sehr dankbar, dass sie mich auf ihre Arbeit aufmerksam machten und habe mir sofort ihr Buch "Die Verfassung der Allmende: jenseits von Staat und Markt" ausgeliehen, bevor es jemand anderes tun konnten.

Das, was ich in der Google-Vorschau bereits gesichtet hatte, liest sich vielversprechend.

Donnerstag, 17. September 2009

Yes, I can

Ich dachte mir doch, dass er das irgendwo geklaut hatte :-)

Sonntag, 23. August 2009

Selbstkritik

in einem meiner vorherigen Beiträge wies ich darauf hin, wie sehr mich jene Diskussionsteilnehmer beeindrucken, die in ihren Ausführungen immer sachlich bleiben und deren Beiträge nie aggressiv und gerade darum so überzeugend wirken.

Jene Personen sind in einschlägigen Diskussionsforen eine wahre Seltenheit. Überwiegend trifft man meistens auf die Hitzköpfe, die sich durch jedes Kommentar an den Karren gefahren fühlen und deren Antworten immer verbale Angriffe sind.

Ich denke mir immer, wenn ich solche Auseinandersetzungen lese: Man, was ihr euch dadurch verschenkt. Denn überzeugen tut ihr damit niemanden, da die meisten Menschen dann immer in Verteidigungshaltung gehen; und wenn sich jeder in seinem ideologischen Bunker verschanzt, nur noch seine Argumente nach Draußen schießt, die Argumenten des anderen aber abwehren will, dann ist die ganze Diskussion schon verloren.

Dass mich dieses Verhalten bei anderen so ärgert nennen die Psychologen glaube ich Projektion. Man projetziert jene Verhaltensweisen die man an sich nicht leiden kann auf andere und kritisiert diese dann.

Mein letzter Kommentar ist dafür wieder ein (Negativ-) Beispiel (Nicht für die Projektion, sondern für das Verhalten).

Er ist, um es kurz zusammenzufassen, sarkastisch (besser bissig) und aggressiv. Ich weiß, dass damit keine gewinnbringende Diskussion geführt werden kann. Er ist entweder dazu geeignet die Diskussion zu beenden oder führt nur, wenn sich mein Gegenpart nicht wesentlich besser unter Kontrolle hat als ich, zu einer gleichartigen Antwort.

Soviel also sehr kurz zur Fehleranalyse. Was hätte ich also besser machen können?

Ich denke, dass ein Finden von Übereinstimmungen zu Beginn ein guter Anfang gewesen wäre. Konkret vielleicht in der Art "ich stimme dir zu, dass in vielen Bereichen private Alternativen existieren und dass..."

Wie bekomme ich nach jenem Absatz nun den Dreher zu jenen Punkten bei denen ich anderer Meinung bin ohne hier nun gleich wieder in Kampfhaltung zu gehen? Vielleicht in dem ich, statt zu sagen "ich bin aber anderer Meinung" die Überleitung eher so formuliere: "Einige Sachverhalte stimme mich aber noch nachdenklich." Schwierig.

Jene Punkte hätte ich dann einfach nur aufzählen sollen, evtl. mit einer nach Bestätigung bittenden Frage. "Ein Angestellter hat heute aber erst eine Wahl zwischen GKK und PKV, wenn.... Sehe ich das richtig?"

Argumente lassen sich auf diese Weise auch einfacher bestätigen oder entkräften.

Naja, vielleicht gelingt es mir bei meinen nächsten Kommentaren mich an meine Vorschläge zu halten (bei den Beiträgen wird es mir noch schwerer fallen.)

Dienstag, 18. August 2009

Marktwirtschaft abschaffen

Warum nicht die Marktwirtschaft abschaffen? Was spricht eigentlich gegen eine zentral geplante Wirtschaft?

In Gesprächen wird mir oft gesagt, dass die Marktwirtschaft zwar ihre Berechtigung hätte (warum?) aber für die wirklich wichtigen Dinge, wie z.B. Bildung oder Gesundheitsversorgung, ginge das nicht. Hier muss der Staat ran.

Mit der Logik komme ich nicht ganz klar, oder anders: Ich verstehe nicht, wieso meine Gesprächspartner in anderen Bereichen marktwirtschaftlich verfasste Subkulturen tolerieren? Hat es was mit Mitleid zu tun? Wollen sie den ewig Gestrigen einige Räume lassen in denen diese - unter Ausschluss der genannten wichtigen Bereiche - gefahrlos Kapitalismus spielen dürfen?

Sehr wahrscheinlich denke ich nur zu verquer. Denn wenn ich wichtige und kritische Aufgaben zu vergeben habe, dann werde ich - denke ich mir zumindest - nur den Besten der Besten mit diesen Aufgaben betreuen.

Ich werde meine Gesundheit oder die Erziehung und Bildung meiner Kinder nicht in die Hände des Zweitbesten legen; und ich vermute mal, dass dies für die Menschen im Allgemeinen gilt. Wenn die Menschen also die staatliche Steuerung für diese Bereiche gewählt haben, dann doch nur, weil staatliche Steuerung das Beste ist was sie unter den zur Verfügung stehenden Möglichkeiten finden konnten.

Wenn wir also mit dem Staat diesen genialen Problemlöser an der Hand haben, wieso begnügen wir uns in anderen Bereichen immer noch mit der schlechteren Lösung des Marktes? Wenn der Staat seine Kompetenz schon in den wirklich wichtigen und kritischen Bereichen gezeigt hat, dann sind für ihn die weniger wichtigen Bereiche unseres Lebens doch mit Leichtigkeit zu bewältigen - und wir würden von der besseren Aufgabenbewältigung doch nur profitieren.

Warum tun wir uns aber trotzdem noch an der einen oder anderen Stelle den Markt an? Ich verstehe es nicht.

Dienstag, 11. August 2009

Philosophie der Freiheit

Die vielleicht einigen bereits bekannte Flashanimation "The Philosophy of Liberty" gibt es nun auch in Deutsch.

Wer also eine kurze Einführung in die Philosophie der Freiheit (und dem ihr zugrunde liegenden "Nichtaggressionsprinzip", welches wiederum auf dem Selbsteigentum aufbaut) bekommen möchte, kann diese nun in mehreren Sprachen tun.

Montag, 3. August 2009

Mehr Regeln, mehr gut?

Regeln schränken die Handlungsspielräume der Menschen ein. Das ist die Vorstellung, die die meisten Menschen von Regeln haben. Ein Mehr an Regeln geht demnach mit einem Mehr an Einschränkungen einher, während ein Abbau von Regeln eine Ausdehnung von Handlungsfreiheit bedeutet.

Wenn es also so aussieht, dass das unbeschränkte Handeln eines Menschen zu Problem führt, scheint es nur logisch nach mehr Regeln (Regulierung) zu verlangen, während ein Abbau von Regeln (Deregulierung) ziemlich dumm, wenn nicht gar bösartig erscheint.

Schauen wir uns hierzu eine kleine Kindergartengeschichte an, um daran die Gültigkeit der obigen Aussagen zu prüfen.

Der Kindergarten "Kleine Goldfische" hat als Maskottchen - wer hätte das gedacht - zwei kleine Goldfische in einem Goldfischglas. Dieses Goldfischglas steht, aus gewissen Erfahrungen heraus, außerhalb der normalen kindlichen Reichweite auf einem Schrank und wird nur zu den Fütterungszeiten (der Goldfische!) von den Erziehern heruntergehoben, damit die Kinder das zuvor dosierte Futter hineinstreuen können.

Da Kinder jedoch sehr einfallsreich sind und die Funktionsweise von Werkzeugen wie Stühlen oder Kisten erkannt haben, wird explizit eine Regel herausgegeben: "Kein Kind darf versuchen das Goldfischglas auf dem Schrank zu erreichen."

Dies funktionierte auch recht gut und die Kinder hielten sich an diese Regel (wie Kinder es im Rahmen ihres Kindseins, unter ständiger Beaufsichtigung und schnellem sanktionierenden Eingreifen tun - also wie letztlich auch Erwachsene). Aber bald kamen einige Eltern auf die Erzieher zu, versicherten ihr Verständnis für diese Regel, wiesen aber auch darauf hin wie sehr sich ihr Kind wünschen würde die Tiere auch außerhalb der Fütterungszeiten (der Goldfische!!) näher zu beobachten, und da schließlich ihr Kind schon ziemlich vernünftig sei...

So geschah es, dass die Erzieher sich genötigt sahen, die existierende Regel um eine weitere zu ergänzen. Erste Regel gelte zwar noch immer, aber bestimmte "vernünftige" Kinder durften mit einer extra dafür beschafften, kindgerechten Leiter die Goldfische wann immer sie wollten aus der Nähe betrachten.

Dies schien eine recht gute Lösung zu sein (sah man von dem Problem ab, festzulegen, wer nun vernünftig genug war, und dass bei den Kletterversuchen dieser Vernünftigen, ein Erzieher immer besonders aufmerksam sein musste, da A) es oft Streit gab, wer nun zuerst die Leiter besteigen durfte, B) die Kletterer das Konzept "Leiter" noch nicht zur Perfektion beherrschten und C) über das Anschauen hinausgehende Greifversuche unterbunden werden mussten).

Dennoch kam eines Tages ein resoluter Vater vorbei, verwies auf seine nicht unerheblichen Zahlungen zur Unterstützung des Kindergartens und brachte sein Unverständnis zum Ausdruck, warum sein überaus intelligenter und kräftiger Sohn nicht das Goldfischglas zum Spielen vom Schrank holen dürfe.

Die vorgebrachten Argumente wirkten recht überzeugend und so fügten unsere Erzieher eine dritte Regel hinzu, nach der es dem Sohn des erwähnten Vaters gestattet war, mit den Goldfischen außerhalb der Fütterungszeiten (der Goldfische!!!) zu spielen.

Kürzen wir das weitere Geschehen etwas ab: In der folgenden Zeit führten weitere intervenierende Eltern zu einem Anwachsen der "Regeln bezüglich der Nutzung eines Goldfischglases in der Kindertagesstätte 'Kleine Goldfische'".

Als es nun, zum Leidtragen der Kinder (und mehr noch der Goldfische - aber keine Angst: Für diese Geschichte mussten keine Tiere leiden) zu einem Vorfall kam, in dessen Verlauf das Glas zu Bruch ging, war allen Beteiligten klar: Diese Tragödie durfte sich nicht wiederholen!

Die einhellige Überzeugung war, dass dieser Unfall nur geschehen konnte, weil der Umgang mit dem Goldfischglas nicht genügend von den Erziehern reguliert wurde. Der Vorschlag eines Elternpaares, eher Regeln abzuschaffen ("alle, bis auf die erste") wurde nur mit einem verständnislosen Kopfschütteln aufgenommen. Denn schließlich würde eine solche Deregulierung die Spielräume der Kinder im Umgang mit dem Goldfischglas doch nur erweitern und weitere Unfälle geradezu heraufbeschwören.

Samstag, 1. August 2009

Ricardos schwierige Idee

Arbeitsteilung und der auf ihr beruhende Tauschhandel kann nur zwischen annähernd gleichstarken, sprich gleichpotenten Partnern erfolgen. Denn nur wenn jeder in mindestens einer Sache besser ist als der andere, hat er überhaupt etwas anzubieten - lohnt sich also die Spezialisierung.

Denn wie sollte Arbeitsteilung zwischen zwei Partnern möglich sein, wenn der eine dem anderen in allem überlegen ist? Ein Tausch zwischen beiden wäre kaum für beide vorteilhaft. Was könnte der "Schwächere" den "Stärkeren" denn bieten? Wenn in irgendeiner Weise Handel zwischen den beiden zustande kommen würde, dann entweder weil der Stärkere den Schwächeren ausbeutet - dann hätte der Schwächere nicht davon - oder der Stärkere schenkt dem Schwächeren etwas von seiner Arbeitsleistung - ohne eine Gegenleistung zu erwarten.

Ich vermute, dass die vorherige Darstellung in etwa beschreibt, was ich vor einigen Jahren zu diesem Thema glaubte. Sicher weiß ich es nicht mehr. Da ich mich aber noch an meine Reaktion erinnern kann (beeindruckendes Zurückfallen in den Stuhl und ungläubiges Starren auf den Bildschirm) als ich mit der das Gegenteil behaupteten Theorie vertraut wurde, muss es wohl in diese Richtung gegangen sein.

Was war es nun, dass mich so beeindruckte? (Im Nachhinein wirkt es gar nicht mehr so erstaunlich und mein Geständnis eher peinlich. Aber dafür sind Blogs ja da.) Es war Ricardos Gesetz vom komparativen Vorteil. (Ok, das war jetzt nicht so überraschend wie "Die Illuminaten haben Elvis entführt!" und auch ein dramaturgischer Blitz-und-Donner-Effekt hätte dazu nicht gewirkt. Hey, dies ist keine Kurzgeschichte.)

Und was sagt nun dieses Gesetz? Es sagt, dass es bei der Arbeitsteilung nicht auf den absoluten Vorteil, sondern auf den relativen - komparativen - Vorteil ankommt. Es sagt nicht weniger aus, als dass selbst der allen Anderen Überlegene einen Vorteil daraus ziehen kann, mit anderen zu handeln; und dass selbst der in allem den Anderen Unterlegene der Gesellschaft etwas geben und ebenfalls einen Nutzen aus jenem Tausch ziehen kann.

Mises lässt sich aus diesem Grund gar dazu hinreißen von einem Ricardo'schen "Vergesellschaftungsgesetz" zu sprechen:
"Das Vergesellschaftungsgesetz lässt uns den Weg der Arbeitsteilung erfassen. Wir können nun begreifen, was die Einzelnen dazu getrieben hat, sich nicht als Konkurrenten im Kampfe um die Aneignung von Unterhaltsmitteln, die die Natur nur in beschränktem Masse zur Verfügung gestellt hat, zu betrachten; wir vermögen zu begreifen, was sie veranlasst hat und fortdauernd veranlasst, sich zu gemeinsamem Handeln zusammenzuschließen." [Miese1940, S. 128]
Ich wollte erst ein eigenes Beispiel ausarbeiten, um das Prinzip zu verdeutlichen, aber da dies schon andere gemacht haben und ich hier über Arbeitsteilung schreibe, verweise ich zum einen auf den oben verlinkten Text und zum anderen noch auf die Begründung, warum auch Superhelden vom Handel profitieren.


Anmerkung:
Den Titel habe ich von Paul Krugman geklaut, der in einem gleichnamigen Artikel diskutiert, warum es gerade Intellektuellen so schwer fällt das Gesetz vom komparativen Vorteil zu akzeptieren.

Literatur

[Mises1940] von Mises, Ludwig; 1940; "Nationalökonomie. Theorie des Handelns und Wirtschaftens"

Montag, 22. Juni 2009

Fersehen ist nicht alles

Im Blog Staunen & Wundern stieß ich auf einen Eintrag, den ich hier gerne in Form eines eigenen Beitrags kommentieren möchte.

Auf den Blogautor wurde ich aufmerksam durch seine überlegten und erfrischend sachlichen Kommentare im Diskussionsbereich des ef-magazins. Ein Niveau, das ich leider allzu oft bei mir selbst vermisse.

In dem erwähnten Beitrag geht es um die Bereitstellung des Rundfunkangebots durch die öffentlich rechtlichen Sendeanstalten. Der Autor befürwortet diesen Zustand, da die öffentlich-rechtlichen Sender ein Angebot bereitstellen würden, welches ohne sie nicht zur Verfügung stände. Begründen tut er dies mit der Feststellung, dass es auf dem Fernsehmarkt keinen funktionierenden Marktmechanismus gäbe, der einen gezielten Kauf von Produkten zu einem definierten Preis ermögliche.

Ich halte diese Überlegung jedoch für voreilig und ungenügend durchdacht, denn kann ich auf diese Weise nicht für jeden Markt zeigen, dass kein Marktmechanismus existiert - wenn ich ihn nur genügend abgrenze?

Wenn ich nur die Straße um die Ecke betrachte und dort nur einen Imbiss sehe, kann ich dann daraus schließen, dass in dieser Straße der Gastronomiemarkt nicht funktioniert, weil dieser Imbiss ja eindeutig ein Monopol inne hat? Und außerdem bietet dieser Imbiss nur Pommes und Currywurst an, aber keinen Salat oder frisches Obst, was für mich als Vegetarier nur ein Versagen des Marktes sein kann.

Ich hoffe doch, dass man mich dann völlig korrekt darauf hinweist, dass ich nicht nur eine einzelne Straße betrachten darf, sondern dies zumindest für das gesamte Viertel, den Stadtteil oder gar die ganze Stadt tun sollte. Auch sollte ich nicht nur Imbisse einbeziehen, sondern auch Gaststätten, Kneipen, Cafes und vielleicht sogar Supermärkte.

Und selbst wenn dann immer noch nicht das von mir gewünschte Produkt angeboten wird (z.B. Tofuburger mit Algenbelag) ich aber der Meinung bin, dass danach eine riesige Nachfrage besteht, gilt es zu analysieren, wie hoch die Hürden sind, um dieses Produkt selbst anzubieten - also wie hoch die Markteintrittsbarierren sind.

Und nur wenn diese unüberwindlich sind, kann meinetwegen von einem unfreien Markt gesprochen werden.

Reicht es also, um auf das eigentliche Thema zurück zu kommen, aus, nur den Fernsehmarkt zu betrachtet oder sollte man unter Beachtung der Funktionen des Fernsehens doch eher die kompletten Informations-, Unterhaltungs-, Nachrichten- und Bildungsmärkte betrachten?

Dann wird das Fernsehen aber sogleich mit Büchern, Zeitschriften, Zeitungen, Seminaren, DVDs, Theatern, Kinos, Freizeitparks, Spieleabenden und neben noch vielem anderen, nicht zu vergessen, dem Internet als Konkurrenten konfrontiert.

Und hier stellen sich mir nun folgende Fragen:

Ist jenem, der das Fernsehen als Quelle von Unterhaltung und Zerstreuung betrachtet, nicht evtl. besser gedient, wenn er die GEZ Gebühren in das Ausleihen von DVDs oder das Abo einer Online-Videothek investiert? Oder in den Besuch von Kinos oder Theatern?
Und wird der Freund des Voyeurismus nicht sowieso bei den Privatsendern besser bedient?

Würde jener, der Bildung sucht zum Fernseher greifen oder die GEZ-Gebühren eher zum Kauf von Fachzeitschriften, Büchern oder zur Finanzierung von Kursen und Seminaren verwendenden?

Kommt jener, der immer aktuell, ausführlich und differenziert informiert sein will, mit dem Abonnement einer Tages- oder Wochenzeitung nicht auch und evtl. sogar besser an sein Ziel?

Und können nicht inzwischen alle drei zusammen im Internet ihre Wünsche auch reichlich erfüllen und dort sogar obendrein von ihnen vermisste Angebote durch eigenes Tun, mit so geringen Kosten wie nie zuvor, bereitstellen?

Ist das Fernsehen (oder auch das Radio. Auf Internetradio bin ich jetzt gar nicht eingegangen) wirklich das einzige Medium, dass unsere Wünsche nach Unterhaltung, Wissen und Kommunikation erfüllen kann? Und ist diesen Medium so wichtig, dass wir einen Dienst innerhalb dieses Mediums mit einer Zwangsgebühr finanzieren müssen, die wir so nicht mehr zur eigenen Verwendung haben?

Ist also, auf den Punkt gebracht, der Nutzen für den einzelnen den er aus den öffentlich rechtlichen Sender zieht größer als der Nutzen den er gewinnen würde, wenn er jene Gebühren nach eigenem Willen verwenden könnte?

Mittwoch, 10. Juni 2009

Gedankenschnipsel: Freiwilligkeit

In den letzten Tagen habe ich - auch in Bezug auf den letzten Eintrag - über Freiwilligkeit und Zwang nachgedacht. Wann ist eine Handlung also freiwillig und wann erfolgt sie unter willkürlichen Zwang.

Ich kam dabei nicht so ganz auf einen befriedigenden Punkt. Ich hatte zwar einige interessante Überlegungen dazu, die aber - bildlich gesprochen - doch noch ziemlich frei schwebend sind und bei etwas stärkerer Betrachtung immer wegflutschen :-).

Jetzt kam mir aber eine Idee, die zwar noch keine tolle vollendete Theorie liefert, die aber vielleicht gut als Ausgangspunkt weiterer Betrachtungen dienen kann:

Ich glaube, dass Freiwilligkeit einer Handlung nicht objektiv festgestellt werden kann, sondern nur eine subjektive Charakterisierung ist.

Ein Mensch handelt dann freiwillig, wenn er glaubt, dass er freiwillig handelt. Und dementsprechend auch umgekehrt: Ein Mensch handelt dann unfreiwillig, wenn er glaubt, dass seine Handlungen unfreiwillig sind.

Das ist zwar vor allem für mich keine befriedigende Aussage, weil ich nun nicht mehr sagen kann, diese und jene Organisation der Gesellschaft führt zu mehr Freiheit oder eben Unfreiheit. Es hängt also nach obiger Aussage von den jeweiligen Menschen ab, wie sie die Verhältnisse subjektiv empfinden.

Dennoch glaube ich, dass ich mit diesem Ansatz in meinen Überlegungen weiterkomme als mit einem objektiven Ansatz. Auch dürften sich in Diskussionen mit diesem Argument einige Streitigkeiten auflösen lassen.

Was halten meine (beiden :-)) Leser davon?

Montag, 1. Juni 2009

Ethik vor der Raststätte

...die Tür aber war verschlossen.
Oh Mann! Die Tür war verschlossen! Der war gut.
Ja, aber pass lieber auf, dass du das Lenkrad ruhig hältst!
Der beste Witz, den ich je gehört habe.
Du bist halt leicht zu erfreuen.

Karl schaute aus dem Fenster auf die vorbeiwandernden Bäume des Waldes.
Worüber habt ihr gestern eigentlich noch geredet? Ich habe euch bis drinnen gehört.
Oh, ich hoffe wir haben euch nicht gestört.

Ach hör auf zu grinsen! So laut ward ihr auch nicht, aber ihr schient lebhaft zu diskutieren.
Das Übliche.

Wie man am besten Nudeln kocht?
Nein, Ethik und Wissenschaft.

Was Wissenschaft darf und was nicht und welche ethische Verantwortung der einzelne Wissenschaftler hat?
Nein. Zumindest nicht direkt. Es ging eher um die Frage, ob man ethische Prinzipien, also Normen, wissenschaftlich begründen könne.

Und zu welchem Ergebnis seit ihr gekommen?
Dass es zumindest einen interessanten Ansatz gibt.

Nun spann mich nicht auf die Folter! Erzähl schon!

Nun, ich bezog mich bei dem Gespräch auf Hans Herman Hoppe, der sich unter anderem mit diesem Thema in seiner Arbeit "Eigentum, Anarchie und Staat" beschäftigt.

Zu Beginn stellt Hoppe die Frage, was unter einer wissenschaftlichen Begründung zu verstehen ist, "um dann die Begründungsfähigkeit auch von Normen zu demonstrieren."

Toll, wie du so schön in Zitaten sprechen kannst.

"Eine Lappalie", wie Alberto in "Sofies Welt" zu sagen pflegte. Aber nun weiter im Text.

Ich bitte darum!

"Eine Aussage", so Hoppe, "gilt als begründet, wenn man sie als objektiv gültig nachweisen kann, im Unterschied zu Aussagen, die lediglich auf subjektiver Einbildung oder Geschmack beruhen."

Soweit komme ich noch mit.

Aber sehr viel weiter hilft uns das auch nicht, denn was bedeutet "objektiv gültig"? Hoppe stellt dazu, mit Bezug auf Popper, fest, dass "Objektivität durch Intersubjektivität definiert" wird.

Also nur wenn die subjektiven Aussagen aller Menschen übereinstimmen, dann sind diese Aussagen objektiv?

Diese Frage stellt auch Hoppe und antwortet: "Natürlich nicht! Wenn man so weit ginge, gäbe es in den gesamten Wissenschaften nicht eine einzige objektiv begründete Aussage. Und eine so weitgehende Forderung wäre auch unsinnig: Man weiß nämlich, daß es Personen gibt, die, weil Zeit knapp ist, etwas Besseres zu tun haben als an dem Prozeß der Überprüfung von Aussagen teilzunehmen; wir wissen, daß es Personen gibt, die intellektuell unfähig sind, bestimmte Aussagen zu überprüfen; wir wissen, daß es Personen gibt, die, trotz Zeit und intellektuellem Vermögen, kein Interesse an der Verbreitung wahrer, sondern falscher Informationen haben; und schließlich wissen wir, daß Personen, trotz Teilnahme am Überprüfungsprozeß, weil sie unter Gewaltandrohung stehen, überhaupt nicht als autonome Subjekte mit einer eigenen Meinung gewertet werden können, und somit als objektivierende Instanz von vornherein ausfallen."

Ist Wissenschaft also eigentlich gar nicht möglich, weil letztlich keine Aussage intersubjektiv gültig und damit auch objektiv gültig sein kann?

Zumindest nicht in dem Maße einer universellen Zustimmung aller Menschen. Der Wissenschaftler ist da aber auch etwas pragmatischer: "Angesichts der Existenz von Schwachköpfen, Lügnern usw. verlangt er jedoch von Aussagen, um als objektiv gelten zu können, nur, daß sie im Prinzip intersubjektiv überprüfbar sein müssen: objektiv begründete Aussagen sind demnach solche Aussagen, denen jedermann qua autonomes (d. i. nicht unter Gewaltandrohung stehendes) Subjekt zustimmen kann, vorausgesetzt, man ist als solches ausschließlich an der Wahrheit interessiert, man ist hierzu intellektuell befähigt, und man hat im übrigen nichts Besseres zu tun, als Aussagen zu überprüfen."
Und "[a]uf diese Weise lassen sich auch Normen begründen," behauptet nun Hoppe.

Na da bin ich mal gespannt.

Da muss ich dich enttäuschen, denn sonderlich spannend wird es nicht mehr, die entscheidende Sache ist bereits gelaufen.

Äh, wie meinen?

Die eben formulierte Bedingung für die Begründbarkeit einer Aussage ist eine Norm; eine normative Anforderung an einen Prozess, damit dieser als wissenschaftlich gelten kann. "Wann immer nämlich ein Wissenschaftler behauptet, bestimmte Aussagen könnten als begründet gelten, muß er bereits eine bestimmte Norm als begründet unterstellen - und zwar die Norm 'du darfst, wenn du irgend etwas, ganz gleich was, als begründet nachweisen willst, keine physische Gewalt gegen irgendjemanden ausüben oder androhen'."
Und Hoppe präzisiert: "Die Norm 'keine Person hat das Recht, anderen Personen gegenüber physische Gewalt anzuwenden oder anzudrohen' ist also (kantisch gesprochen) die Bedingung der Möglichkeit von wissenschaftlichen Begründungen und muß insofern ihrerseits als begründet gelten: 'Begründen' heißt 'gewaltfrei begründen', und Gewaltfreiheit muß darum von jedem Wissenschaftler immer schon, ob ihm dies bewußt ist oder nicht, als allgemein anerkennungsfähig unterstellt werden."

Halt, halt! Das ging mir jetzt etwas zu schnell.

Das von Hoppe angewandte Prinzip entstammt der Diskursethik von Habermas, mit der ich mich, um der Wahrheit die Ehre zu geben, allerdings nicht beschäftigt habe. Die Idee ist jedoch, wie vielleicht deutlich geworden ist, dass, wenn Menschen zusammen kommen, um sich über ethische Prinzipen auszutauschen und zu einigen, sie nicht bei Null beginnen müssen, sondern sich bereits implizit durch die Form ihres Diskurses auf grundlegende Normen geeinigt haben.

Hoppe betrachtet nun nicht einen allgemeinen Diskurs aller Menschen, was gewisse Probleme mit sich bringen würde, sondern fokussiert auf den wissenschaftlichen Diskurs, der bereits wesentlich strikter "normiert" ist. Er kann dies machen, weil er mit seiner Fragestellung auch nur ein wissenschaftliches Publikum ansprechen will. Oder kurz: Der religiöse Fanatiker wird sich von Hoppes Argumentation nicht sonderlich beeindrucken lassen. Mit diesem will Hoppe aber auch gar nicht über Ethik diskutieren, sondern mit Wissenschaftlern.

Ist das denn notwenig?

Das können wir diskutieren, nachdem wir eine Pause gemacht haben. Die Natur verlangt nach ihrem Recht.



Literatur:
Hoppe, Hans-Hermann: Eigentum, Anarchie und Staat: Studien zur Theorie d. Kapitalismus/Hans-Hermann Hoppe. - Opladen: Westdeutscher Verlag, 1987. (Studien zur Sozialwissenschaft, Bd. 63) ISBN 3-531-11811-0, Online: http://docs.mises.de/Hoppe/Hoppe_Eigentum_Anarchie_Staat.pdf

Mittwoch, 29. April 2009

Amerika, du hast es besser

Mit diesem seinen Ceterum Censeo schließt Zettel einige seiner Texte über Amerika, wie zum Beispiel jenen über Harvard oder über "das amerikanische Paradox".

Damit soll bei weitem nicht behauptet werden, dass in den Vereinigten Staaten das Paradies auf Erden existiert, aber da - zumindest aus meiner Sicht - Amerika sehr oft als die Hölle auf Erden dargestellt wird, kann die Präsentation anders lautender Darstellungen ruhig entsprechend optimistisch enden.

Gang besonders möchte ich auf den Blog von Scot Stevenson aufmerksam machen (wenn das überhaupt noch notwendig ist). Ob er über Popcorn, American Football oder die amerikanische Verfassung schreibt; stets lerne ich Neues und bisher Unbekanntes.

So gut wie alle seiner Artikel könnte ich empfehlen, schlage aber dem geneigten Leser den Einstieg über die "fünf wichtigsten (und hoffentlich besten) Einträge" und seine Themenliste vor.

Sehr oft dachte ich beim Lesen seiner Beiträge: "Amerika, du hast es besser."

Montag, 23. März 2009

Der Kapitalismus und die Historiker

Weitere Quellen zum Thema:

"Capitalism and the Historians" (Google-Books) (Amazon)
herausgegeben von F. A. Hayek, speziell die Essays von T. S. Ashton.
Eine Zusammenfassung findet man hier.

Und die Arbeiten von Wilhelm Abel, z.B."Massenarmut und Hungerkrisen im vorindustriellen Europa. Versuch einer Synopsis" (DNB) oder "Der Pauperismus in Deutschland am Vorabend der industriellen Revolution" (DNB).

Sonntag, 8. März 2009

Demokratische Zensur

Kann es eigentlich eine demokratische Zensur geben?

Also eine Zensur nach diktatorischen Prinzip kann ich mir vorstellen: Der entsprechende Diktator (ob nun eine einzelne Person oder Gruppe von Personen) verbietet bestimmte Dokumente und versucht dieses Verbot durchzusetzen.

Soweit so bekannt, aber wie funktioniert dieses Verfahren demokratisch? Da dass Volk ja laut Theorie die eigentliche Herrschaft ausübt, müsste es ja die Zensur kontrollieren und damit die Dokumente, die es eigentlich nicht lesen soll, lesen, um sicher zugehen, dass der ausführenden Behörde bei der Klassifikation kein Fehler unterlaufen ist.

Dass praktisch Zensur stattfindet ist schon klar, aber wie rechtfertigen Demokraten dies? Ist dies nur ein weiterer Spezialfall des Demokratieparadoxons? Der Bürger ist zwar so mündig über sich und andere zu herrschen, aber dennoch nicht mündig genug nur über sich zu herrschen.

Sonntag, 22. Februar 2009

Keine Angst vorm Manchester-Liberalismus

Ich recherchiere gerade etwas über das 19. Jahrhundert und die Industrielle Revolution, was sich jedoch noch etwas hinziehen wird.

Im Geiste von Open Science möchte ich jedoch bereits einige Quellen vorstellen; zum Thema "Manchester-Liberalismus".

Die heute gängige Vorstellung einer Ideologie, die nur auf das Eigeninteresse und die Vorteile der "Reichen" bedacht war und des Staates als Hüter des Gemeinwohls und Beschützer der Armen, der sich im 19. Jahrhundert völlig aus der Wirtschaft heraushielt, wird in den angeführten Texten als nicht ganz korrekt präsentiert.

Vielmehr zeigt sich, dass die Interventionen des Staats die Lage der Armen verschlechterte und durch das Zurückdrängen des Staates verbessert wurde. Ich werde darauf hoffentlich später noch genauer eingehen können.

Gerecht ist nur die Freiheit von Richard Herzinger und
Mythos Manchestertum von Detmar Doering

Donnerstag, 19. Februar 2009

Glückspiel mit Garantie

Nehmen wir einmal folgende zwei Situationen an:

Situation 1:
Ich gebe einer Gruppe von Personen die Möglichkeit an Glückspielen teilzunehmen (oder es eben nicht zu tun). Die Gewinne dürfen sie behalten, ebenso wie sie die Verluste selbst tragen müssen.

Situation 2:
Ich gebe einer Gruppe von Personen die Möglichkeit an Glückspielen teilzunehmen (oder es eben nicht zu tun). Die Gewinne dürfen sie behalten; die Verluste jedoch bekommen sie von mir ersetzt.

Randbedingungen:
Die Beziehungen zwischen den Personen und mir sind anonym. Ich trete quasi als eine unpersönliche Institution, die als vertrauenswürdig gilt, auf. Es gibt keine persönlichen Beziehungen wie Freundschaft, Nachbarschaft, Bekanntschaft usw. Es gibt also keine soziale Kontrollfunktion wie sie in kleinen Gruppen (Dorf, Gang, Freundeskreis usw.) existiert.

Hier nun meine Fragen:
In welcher Situation werden die größeren Risiken eingegangen?
In welcher Situation sind also die potentiellen Gewinne und damit auch Verluste höher?

Diese Fragen können natürlich auch gerne experimentell beantwortet werden, aber ich persönlich fürchte einen nicht unerheblichen finanziellen Schaden meinerseits dabei (was, zugegeben, meine voreingenommene und unwissenschaftliche Herangehensweise offenbart).

Mittwoch, 11. Februar 2009

Sie wollen nur unser Bestes

Erst letztens diskutierten wir die Themen Rauchen und staatliches Gesundheitswesen kurz an (hier und hier) und nun bin ich auf diesen schönen Text von Luis Pazos gestoßen.

Sonntag, 25. Januar 2009

Rezension: "Die Dunkelmänner" von Michael Hesemann

Religion hat in unserer heutigen aufgeklärten Zeit einen schlechten Ruf. Religiös zu sein wird von vielen Menschen in unserer Kultur als ein Makel betrachtet, widerspricht es doch unserem Ideal vom rationalen Menschen, der nur der Wissenschaft huldigt, nichts denkt, was über die Wahrnehmung seiner Sinne hinausgeht und alle anderen Überlegungen als Irrational - weil unwissenschaftlich - abtut.

Neben theoretischen und philosophischen Argumenten wird zur Begründung dieser Einstellung meist auch die Geschichte bemüht und speziell - unserem Kulturkreis entsprechend - die Geschichte der katholischen Kirche.

Sprechen nicht Hexenverfolgung, Inquisition und die Unterdrückung neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse eine deutliche Sprache? Zeigen uns nicht selbst populäre Romane und Filme zu Themen wie der Päpsten Johanna oder den Templern, dass die Kirche einigen Dreck am Stecken hat uns vieles noch immer verschweigt und uns Wissen vorenthält?

Solchen Fragen geht Michael Hesemann in seinem Buch "Die Dunkelmänner" nach. In dem er die "Mythen, Lügen und Legenden um die Kirchengeschichte" untersucht und den aufgeklärten Leser mit einigen interessanten Fakten überrascht.

So zum Beispiel, wenn man im Kapitel über den Fall "Galileo Galilei" erfährt, dass im 16. Jahrhundert der Kardinal Bellarmin, der u.a. die römische Inquisition leitete, keinen Grund sah gegen das kopernikanische Weltbild vorzugehen und es "doch sehr wohl eine 'geeignete Konstruktion zur Beschreibung des äußeren Anscheins'" sei. "Ob es wahr wäre, würde die Zukunft zeigen; bis dahin aber sollten die Wissenschaftler ungehindert forschen können."

Galilei wurde nicht verboten das kopernikanische Weltbild zu vertreten und zu lehren, sondern, da die Kirche "einen Gelehrtenkrieg, der den Kirchenfrieden gefährdete, um jeden Preis" vermeiden wollte, wurde ihm empfohlen "seine Anschauungen doch bitte als Hypothese zu formulieren, statt sie als absolute Wahrheit darzustellen […] Für die wissenschaftliche Forschung liefe es auf dasselbe hinaus, aber die Aristoteliker würden sich beruhigen! Sollten irgendwann unwiderlegbare Beweise für das neue Weltbild vorliegen, könne man immer noch daran denken, die Bibel anders als wörtlich auszulegen."

Seine spätere Verurteilung, dem die Veröffentlichung eines Buchs vorausging, erfolgte letztlich nicht aufgrund der von ihm in diesem Buch vertretenen Thesen, sondern wegen der Form in der dies geschah. "Galilei habe sich nicht der Ketzerei schuldig gemacht. Er habe allerdings - und das in schwerwiegender Weise - seine Gehorsamspflicht gegenüber dem Heiligen Stuhl mißachtet, seine eigenen Versprechen gebrochen, den Papst hintergangen."

Neben dieser bietet Hesemanns Buch weitere Zurechtrückungen der geschichtlichen Tatsachen, sei es z.B. zur Inquisition, der Hexenverfolgung, den Kreuzzügen oder auch zum heiligen Gral, Maria Magdalena oder der Beziehung der Kirche zum Nationalsozialismus.

An geschichtlicher Wahrheit interessierten Menschen kann ich dieses Buch nur empfehlen - und sei es auch nur, um auch die andere Seite einmal zu hören. Vielleicht steht man danach ja auch der Religion im Allgemeinen etwas freundlicher gegenüber.

Sonntag, 18. Januar 2009

"80%-Sozialismus"

Ich lese gerade das Buch "Jenseits von Angebot und Nachfrage" von Wilhelm Röpke und bin dabei auf zwei Absätze gestoßen, deren Tenor ich so bereits bei Roland Baader gelesen hatte. Hier zunächst das Zitat Röpkes von 1966:
"Es ist offensichtlich, daß die heutige Wirklichkeit der Marktwirtschaft, selbst im Falle Deutschlands, der Schweiz oder der Vereinigten Staaten, weit entfernt von dem Ideal ist, das die Theorie voraussetzt. In Wahrheit haben wir es mit einem <<Mischmasch-System>> zu tun, in dem es mitunter schwer ist, die marktwirtschaftliche Kernmasse zu erkennen, mit einer Kakophonie, aus der der dominierende Ton der Wirtschaftsfreiheit nicht immer klar herauszuhören ist. Wenn die Marktwirtschaft trotz eines früher unvorstellbaren Übermaßes an Eingriffen aller Art noch immer leistungsfähig geblieben ist, so ist das kein Beweis für die Harmlosigkeit oder gar den Nutzen solcher Verzerrungen und Belastungen, sondern ein solcher für die immer wieder erstaunliche Robustheit der Marktwirtschaft, die offenbar schwer umzubringen ist." [Röpke1966, S. 58-59]
Und weiter:
"[...] So viel aber ist sicher, daß ein Übermaß von Staatseingriffen, die die Marktwirtschaft von der Bahn ablenken, die ihr Wettbewerb und Preismechanismus vorzeichnen, eine Häufung von willkürlichen Verboten oder Geboten, von Abstumpfungen der Leistungsantriebe, von behördlichen Preisfestsetzungen und von Beeinträchtigungen der elementaren Freiheiten der Wirtschaft zu Fehlleitungen, Stauungen, Minderleistungen und Gleichgewichtsstörungen aller Art führt, die zunächst verhältnismäßig glatt überwunden werden, aber mit dem Maß der Eingriffe ständig wachsen und schließlich zu einer offenen Kalamität werden. Das Schlimmste ist, daß diese durch Eingriffe hervorgerufenen Störungen oft als Beweis für die Unzulänglichkeit der Marktwirtschaft selber ausgegeben und damit zum Vorwand für weitere und tiefere Eingriffe genommen werden, während eine nicht bei jedermann vorauszusetzende Einsicht nötig ist, um zu erkennen, daß die Schuld am Eingriff selber liegt." [Röpke1966, S. 59]
Knapp 40 Jahre später stellt Roland Bader fest:
"Wir erkennen ein Land mit einem staatlichen (sprich: sozialistischen) Rentensystem, mit einem staatlichen Gesundheitswesen, einem staatlichen Bildungswesen, mit staatlich und gewerkschaftlich gefesselten Arbeitsmärkten, einem konfiskatorischen Steuersystem, einer Staatsquote am Sozialprodukt von 50 %, mit einem erheblich regulierten Wohnungsmarkt, einem massiv subventionierten und regulierten Agrarsektor und einer in ein kompliziertes Geflecht zwischen Markt und Staat eingebundenen Energiewirtschaft, mit mindestens Hunderttausend Betrieben in 'kommunalem Eigentum' (= Camouflage-Wort für Verstaatlichung) und einem staatlichen Papiergeldmonopol, ja sogar mit einem Staatsfernsehen samt Zwangsgebühren. Wir erkennen ein Land, in dem fast 40 % der Bevölkerung ganz oder überwiegend von Staatsleistungen lebt und in welchem das gesamte Leben der Bürger von staatlichen Regelungen überwuchert ist. Wer diesen 80%-Sozialismus als Kapitalismus bezeichnet, muß mit ideologischer Blindheit geschlagen sein.

[...] Wir haben es also bei dem, was hierzulande (und auch in anderen Ländern) als Kapitalismus bezeichnet wird, in Wirklichkeit mit einem staatsverkrüppelten Rumpfkapitalismus und mit einem vom Sozialismus durchseuchten Schein-Kapitalismus zu tun. Walter Eucken, der Vater des (echten) Neoliberalismus, hat schon in den 50er Jahren von einem 'staatlich versumpften Kapitalismus' gesprochen und die permanente Gleichsetzung dieser Karikatur mit 'dem Kapitalismus' als die wirksamste Waffe der Antikapitalisten ausgemacht. Man sollte das deutsche Modell also realistischer als Sozialismus mit kapitalistischem Hilfsmotor bezeichnen. Erstaunlicherweise vollbringt dieser Hilfsmotor seit mindestens sechzig Jahren das Kunststück, den sozialistischen Schrottkarren voranzutreiben. Erst jetzt scheint ihm vom Übergewicht des maroden Gefährts allmählich die Puste auszugehen." [Baader2005, S. 56-57]
Als Optimist könnte man nun schlussfolgern, dass die Zustände ja wenigstens nahezu gleich geblieben sind, sich also nicht weiter verschlechtert haben und dies hoffen lässt, dass dies nun auch in Zukunft so bleibt.

Als Pessimist kommt man jedoch nicht umhin - gerade im Hinblick auf die aktuelle staatlich verursachte Krise, die, wie Röpke und Baader es ja bereits ansprachen, wieder der Marktwirtschaft in die Schuhe geschoben wird - in den nächsten Jahren weitere Verschlechterungen zu erwarten.

Insbesondere da die Öffentlichkeit mit ihrem Ruf nach immer mehr Verboten und Vorschriften, nach einem mächtigeren und konsequenteren Staat, den Totalitarismus geradezu herbeizusehnen scheint.



Literatur

[Baader2005] Baader, Roland; 2005; "Das Kapital am Pranger"
[Röpke1966] Röpken, Wilhelm; 1966; "Jenseits von Angebot und Nachfrage"

Montag, 12. Januar 2009

Menschen- und Weltbild: Lieber, leckerer, schöner. Werten (Teil II)

Steinchen hat zu meinem letzten Beitrag einige Fragen aufgeworfen, auf die ich hier eingehen möchte.

Anmerkung zum Tausch im Allgemeinen

Die Darstellung des Tauschs habe ich leider zu verkürzt und damit fehlerhaft dargestellt. Ich habe nur kurz den gesellschaftlichen Tausch beschrieben und nicht den Tausch im Allgemeinen. Das möchte ich hiermit nachholen.

Jedes Handeln ist zugleich Tauschen: "Jedes Handeln ist eine durch den Menschen hervorgerufene Veränderung. Wir pflegen eine solche provozierte Veränderung Tausch oder ein Tauschen zu nennen. Ein weniger befriedigender Zustand wird mit einem mehr befriedigenden Zustand vertauscht." [Mises1940, S. 75]

Statt zu sagen, dass ich einen Apfel gegen eine Birne tausche, könnte ich auch sagen, dass ich den Zustand in dem ich einen Apfel habe aber keine Birne, gegen den Zustand tausche, in dem ich keinen Apfel habe aber eine Birne.

Damit gilt gleiches natürlich für die Wertung: Statt also zu sagen, dass ich die Birne höher werte als den Apfel könnte ich allgemeiner sagen, dass ich den Zustand in dem ich die Birne besitze höher werte als jenen Zustand in dem der Apfel in meinem Besitz ist.

Mises unterscheidet nun noch zwischen inneren und zwischenmenschlichen Tausch:
"Jedes Handeln, auch das des isoliert gedachten Einzelnen oder das des ausnahmsweise in Vereinzelung handelnden Gesellschaftsmenschen, ist ein Tauschen. Man tauscht durch das Handeln einen weniger befriedigenden Zustand gegen einen besser befriedigenden ein. Dieses Tauschen des isoliert Handelnden wollen wir inneren Tausch nennen." [Mises1940, S. 180]
Und weiter:
"In der Tauschgesellschaft wird das gesellschaftliche Zusammenwirken der handelnden Menschen zum Tausch zwischen Menschen, zu einem Geben an Menschen und zu einem Empfangen von Menschen. Man gibt, um zu empfangen; man leistet anderen, damit sie ihrerseits wieder eine Gegenleistung vollbringen. Diesen Tausch zwischen Menschen wollen wir den zwischenmenschlichen (interpersonellen oder gesellschaftlichen) Tausch nennen." [Mises1940, S. 180]
Somit kann ich auch das Prinzip des Schenkens erklären. Ich tausche einen Zustand in dem ich ein bestimmtes Gut habe und jemand anderes unglücklich ist, gegen einen Zustand in dem derjenige das Gut hat und glücklich ist. Ich ziehe also den Zustand in welchem ich jemanden ein Geschenk (und glücklich) gemacht habe jenen Zustand, in welchem ich dies nicht tat, vor.
"Einseitiges Schenken, bei dem weder vom Beschenkten noch von anderen Menschen irgend eine Gegenleistung irgendwelcher Art erwartet wird, ist innerer Tausch." [Mises1940, S. 181]
Ich muss diese Unterscheidung jedoch nicht unbedingt durchführen. Für mich reicht es zu sagen, dass der Mensch handelt, also einen Zustand gegen einen anderen tauscht. Darin sind alle Spezialfälle enthalten (die nichtsdestotrotz von mir hätten herausgearbeitet werden sollen).

Anmerkung zum Tausch in Steinchens ersten Beispiel

Du hast zwei Wahlmöglichkeiten:
1. Verhungern
2. Brot für 1000,- € kaufen

Auch ich würde, wie du, die zweite Möglichkeit wählen, das heißt ich ziehe die zweite der ersten Möglichkeit vor. Nichts anderes sage ich ja im obigen Beitrag.

Dass ich mir natürlich unzählige bessere Zustände vorstellen kann (Brot als Geschenk, komplettes Mittagsmenü, satt sein und schön Urlaub machen, ...), ändert nichts an meiner Aussage. Ich behaupte ja nicht, dass jeder Mensch immer den besten Zustand wählt, den er sich überhaupt vorstellen kann, sondern nur, dass er aus den momentan gegebenen Zuständen, jenen auswählt, den er allen anderen gegebenen Zuständen vorzieht.

Und genau das machst du, wenn du das Brot für 1000,- € dem Verhungern vorziehst: Du handelst. Etwas anderes wäre es, wenn du bereits das Bewusstsein verloren hast und ich dir - unabhängig von deinem Willen - eine Infusion verpasse (meinetwegen auch für 1000,- €, die ich dir aus der Tasche nehme). Dann handelst du nicht. Das ist aber eben auch kein Tausch, sondern Zwang (von mir gegen dich).

Der Tausch ist also nicht nachteilig für dich, wenn du nur die zwei gegebenen Möglichkeiten betrachtest und Überleben zum angegebenen Preis für besser hältst als Sterben.
Du könntest auch anders werten und - in Form eines medienwirksamen Hungerstreiks gegen irgendetwas protestierend - beschließen, dass verhungern besser ist, als zum gegeben Preis zu überleben.

Aber in beiden Fällen handelst du und triffst die Entscheidung, welche dir unter den gegebenen Umständen als die beste von allen verfügbaren erscheint.

Anmerkung zur Rationalität

Bereits in einem früheren Beitrag habe ich darauf hingewiesen, dass ich nicht von einem "stets 'rational' seine Ziele verfolgenden Menschen" ausgehe. Ob der Mensch seine Wertung durch gründliches Nachdenken, aus dem Bauch heraus oder seiner Intuition folgend gewinnt, ist für die gemachten Aussagen nicht relevant.

Aber Achtung: Ich spreche hier von der Österreichischen Schule der Nationalökonomie. Die an den Schulen und Universitäten gelehrte Neoklassik verwendet sehr wohl das von dir zu recht kritisierte Rationalitätsprinzip.



Literatur

[Mises1940] von Mises, Ludwig; 1940; "Nationalökonomie. Theorie des Handelns und Wirtschaftens"