Montag, 1. Juni 2009

Ethik vor der Raststätte

...die Tür aber war verschlossen.
Oh Mann! Die Tür war verschlossen! Der war gut.
Ja, aber pass lieber auf, dass du das Lenkrad ruhig hältst!
Der beste Witz, den ich je gehört habe.
Du bist halt leicht zu erfreuen.

Karl schaute aus dem Fenster auf die vorbeiwandernden Bäume des Waldes.
Worüber habt ihr gestern eigentlich noch geredet? Ich habe euch bis drinnen gehört.
Oh, ich hoffe wir haben euch nicht gestört.

Ach hör auf zu grinsen! So laut ward ihr auch nicht, aber ihr schient lebhaft zu diskutieren.
Das Übliche.

Wie man am besten Nudeln kocht?
Nein, Ethik und Wissenschaft.

Was Wissenschaft darf und was nicht und welche ethische Verantwortung der einzelne Wissenschaftler hat?
Nein. Zumindest nicht direkt. Es ging eher um die Frage, ob man ethische Prinzipien, also Normen, wissenschaftlich begründen könne.

Und zu welchem Ergebnis seit ihr gekommen?
Dass es zumindest einen interessanten Ansatz gibt.

Nun spann mich nicht auf die Folter! Erzähl schon!

Nun, ich bezog mich bei dem Gespräch auf Hans Herman Hoppe, der sich unter anderem mit diesem Thema in seiner Arbeit "Eigentum, Anarchie und Staat" beschäftigt.

Zu Beginn stellt Hoppe die Frage, was unter einer wissenschaftlichen Begründung zu verstehen ist, "um dann die Begründungsfähigkeit auch von Normen zu demonstrieren."

Toll, wie du so schön in Zitaten sprechen kannst.

"Eine Lappalie", wie Alberto in "Sofies Welt" zu sagen pflegte. Aber nun weiter im Text.

Ich bitte darum!

"Eine Aussage", so Hoppe, "gilt als begründet, wenn man sie als objektiv gültig nachweisen kann, im Unterschied zu Aussagen, die lediglich auf subjektiver Einbildung oder Geschmack beruhen."

Soweit komme ich noch mit.

Aber sehr viel weiter hilft uns das auch nicht, denn was bedeutet "objektiv gültig"? Hoppe stellt dazu, mit Bezug auf Popper, fest, dass "Objektivität durch Intersubjektivität definiert" wird.

Also nur wenn die subjektiven Aussagen aller Menschen übereinstimmen, dann sind diese Aussagen objektiv?

Diese Frage stellt auch Hoppe und antwortet: "Natürlich nicht! Wenn man so weit ginge, gäbe es in den gesamten Wissenschaften nicht eine einzige objektiv begründete Aussage. Und eine so weitgehende Forderung wäre auch unsinnig: Man weiß nämlich, daß es Personen gibt, die, weil Zeit knapp ist, etwas Besseres zu tun haben als an dem Prozeß der Überprüfung von Aussagen teilzunehmen; wir wissen, daß es Personen gibt, die intellektuell unfähig sind, bestimmte Aussagen zu überprüfen; wir wissen, daß es Personen gibt, die, trotz Zeit und intellektuellem Vermögen, kein Interesse an der Verbreitung wahrer, sondern falscher Informationen haben; und schließlich wissen wir, daß Personen, trotz Teilnahme am Überprüfungsprozeß, weil sie unter Gewaltandrohung stehen, überhaupt nicht als autonome Subjekte mit einer eigenen Meinung gewertet werden können, und somit als objektivierende Instanz von vornherein ausfallen."

Ist Wissenschaft also eigentlich gar nicht möglich, weil letztlich keine Aussage intersubjektiv gültig und damit auch objektiv gültig sein kann?

Zumindest nicht in dem Maße einer universellen Zustimmung aller Menschen. Der Wissenschaftler ist da aber auch etwas pragmatischer: "Angesichts der Existenz von Schwachköpfen, Lügnern usw. verlangt er jedoch von Aussagen, um als objektiv gelten zu können, nur, daß sie im Prinzip intersubjektiv überprüfbar sein müssen: objektiv begründete Aussagen sind demnach solche Aussagen, denen jedermann qua autonomes (d. i. nicht unter Gewaltandrohung stehendes) Subjekt zustimmen kann, vorausgesetzt, man ist als solches ausschließlich an der Wahrheit interessiert, man ist hierzu intellektuell befähigt, und man hat im übrigen nichts Besseres zu tun, als Aussagen zu überprüfen."
Und "[a]uf diese Weise lassen sich auch Normen begründen," behauptet nun Hoppe.

Na da bin ich mal gespannt.

Da muss ich dich enttäuschen, denn sonderlich spannend wird es nicht mehr, die entscheidende Sache ist bereits gelaufen.

Äh, wie meinen?

Die eben formulierte Bedingung für die Begründbarkeit einer Aussage ist eine Norm; eine normative Anforderung an einen Prozess, damit dieser als wissenschaftlich gelten kann. "Wann immer nämlich ein Wissenschaftler behauptet, bestimmte Aussagen könnten als begründet gelten, muß er bereits eine bestimmte Norm als begründet unterstellen - und zwar die Norm 'du darfst, wenn du irgend etwas, ganz gleich was, als begründet nachweisen willst, keine physische Gewalt gegen irgendjemanden ausüben oder androhen'."
Und Hoppe präzisiert: "Die Norm 'keine Person hat das Recht, anderen Personen gegenüber physische Gewalt anzuwenden oder anzudrohen' ist also (kantisch gesprochen) die Bedingung der Möglichkeit von wissenschaftlichen Begründungen und muß insofern ihrerseits als begründet gelten: 'Begründen' heißt 'gewaltfrei begründen', und Gewaltfreiheit muß darum von jedem Wissenschaftler immer schon, ob ihm dies bewußt ist oder nicht, als allgemein anerkennungsfähig unterstellt werden."

Halt, halt! Das ging mir jetzt etwas zu schnell.

Das von Hoppe angewandte Prinzip entstammt der Diskursethik von Habermas, mit der ich mich, um der Wahrheit die Ehre zu geben, allerdings nicht beschäftigt habe. Die Idee ist jedoch, wie vielleicht deutlich geworden ist, dass, wenn Menschen zusammen kommen, um sich über ethische Prinzipen auszutauschen und zu einigen, sie nicht bei Null beginnen müssen, sondern sich bereits implizit durch die Form ihres Diskurses auf grundlegende Normen geeinigt haben.

Hoppe betrachtet nun nicht einen allgemeinen Diskurs aller Menschen, was gewisse Probleme mit sich bringen würde, sondern fokussiert auf den wissenschaftlichen Diskurs, der bereits wesentlich strikter "normiert" ist. Er kann dies machen, weil er mit seiner Fragestellung auch nur ein wissenschaftliches Publikum ansprechen will. Oder kurz: Der religiöse Fanatiker wird sich von Hoppes Argumentation nicht sonderlich beeindrucken lassen. Mit diesem will Hoppe aber auch gar nicht über Ethik diskutieren, sondern mit Wissenschaftlern.

Ist das denn notwenig?

Das können wir diskutieren, nachdem wir eine Pause gemacht haben. Die Natur verlangt nach ihrem Recht.



Literatur:
Hoppe, Hans-Hermann: Eigentum, Anarchie und Staat: Studien zur Theorie d. Kapitalismus/Hans-Hermann Hoppe. - Opladen: Westdeutscher Verlag, 1987. (Studien zur Sozialwissenschaft, Bd. 63) ISBN 3-531-11811-0, Online: http://docs.mises.de/Hoppe/Hoppe_Eigentum_Anarchie_Staat.pdf

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