Montag, 12. Januar 2009

Menschen- und Weltbild: Lieber, leckerer, schöner. Werten (Teil II)

Steinchen hat zu meinem letzten Beitrag einige Fragen aufgeworfen, auf die ich hier eingehen möchte.

Anmerkung zum Tausch im Allgemeinen

Die Darstellung des Tauschs habe ich leider zu verkürzt und damit fehlerhaft dargestellt. Ich habe nur kurz den gesellschaftlichen Tausch beschrieben und nicht den Tausch im Allgemeinen. Das möchte ich hiermit nachholen.

Jedes Handeln ist zugleich Tauschen: "Jedes Handeln ist eine durch den Menschen hervorgerufene Veränderung. Wir pflegen eine solche provozierte Veränderung Tausch oder ein Tauschen zu nennen. Ein weniger befriedigender Zustand wird mit einem mehr befriedigenden Zustand vertauscht." [Mises1940, S. 75]

Statt zu sagen, dass ich einen Apfel gegen eine Birne tausche, könnte ich auch sagen, dass ich den Zustand in dem ich einen Apfel habe aber keine Birne, gegen den Zustand tausche, in dem ich keinen Apfel habe aber eine Birne.

Damit gilt gleiches natürlich für die Wertung: Statt also zu sagen, dass ich die Birne höher werte als den Apfel könnte ich allgemeiner sagen, dass ich den Zustand in dem ich die Birne besitze höher werte als jenen Zustand in dem der Apfel in meinem Besitz ist.

Mises unterscheidet nun noch zwischen inneren und zwischenmenschlichen Tausch:
"Jedes Handeln, auch das des isoliert gedachten Einzelnen oder das des ausnahmsweise in Vereinzelung handelnden Gesellschaftsmenschen, ist ein Tauschen. Man tauscht durch das Handeln einen weniger befriedigenden Zustand gegen einen besser befriedigenden ein. Dieses Tauschen des isoliert Handelnden wollen wir inneren Tausch nennen." [Mises1940, S. 180]
Und weiter:
"In der Tauschgesellschaft wird das gesellschaftliche Zusammenwirken der handelnden Menschen zum Tausch zwischen Menschen, zu einem Geben an Menschen und zu einem Empfangen von Menschen. Man gibt, um zu empfangen; man leistet anderen, damit sie ihrerseits wieder eine Gegenleistung vollbringen. Diesen Tausch zwischen Menschen wollen wir den zwischenmenschlichen (interpersonellen oder gesellschaftlichen) Tausch nennen." [Mises1940, S. 180]
Somit kann ich auch das Prinzip des Schenkens erklären. Ich tausche einen Zustand in dem ich ein bestimmtes Gut habe und jemand anderes unglücklich ist, gegen einen Zustand in dem derjenige das Gut hat und glücklich ist. Ich ziehe also den Zustand in welchem ich jemanden ein Geschenk (und glücklich) gemacht habe jenen Zustand, in welchem ich dies nicht tat, vor.
"Einseitiges Schenken, bei dem weder vom Beschenkten noch von anderen Menschen irgend eine Gegenleistung irgendwelcher Art erwartet wird, ist innerer Tausch." [Mises1940, S. 181]
Ich muss diese Unterscheidung jedoch nicht unbedingt durchführen. Für mich reicht es zu sagen, dass der Mensch handelt, also einen Zustand gegen einen anderen tauscht. Darin sind alle Spezialfälle enthalten (die nichtsdestotrotz von mir hätten herausgearbeitet werden sollen).

Anmerkung zum Tausch in Steinchens ersten Beispiel

Du hast zwei Wahlmöglichkeiten:
1. Verhungern
2. Brot für 1000,- € kaufen

Auch ich würde, wie du, die zweite Möglichkeit wählen, das heißt ich ziehe die zweite der ersten Möglichkeit vor. Nichts anderes sage ich ja im obigen Beitrag.

Dass ich mir natürlich unzählige bessere Zustände vorstellen kann (Brot als Geschenk, komplettes Mittagsmenü, satt sein und schön Urlaub machen, ...), ändert nichts an meiner Aussage. Ich behaupte ja nicht, dass jeder Mensch immer den besten Zustand wählt, den er sich überhaupt vorstellen kann, sondern nur, dass er aus den momentan gegebenen Zuständen, jenen auswählt, den er allen anderen gegebenen Zuständen vorzieht.

Und genau das machst du, wenn du das Brot für 1000,- € dem Verhungern vorziehst: Du handelst. Etwas anderes wäre es, wenn du bereits das Bewusstsein verloren hast und ich dir - unabhängig von deinem Willen - eine Infusion verpasse (meinetwegen auch für 1000,- €, die ich dir aus der Tasche nehme). Dann handelst du nicht. Das ist aber eben auch kein Tausch, sondern Zwang (von mir gegen dich).

Der Tausch ist also nicht nachteilig für dich, wenn du nur die zwei gegebenen Möglichkeiten betrachtest und Überleben zum angegebenen Preis für besser hältst als Sterben.
Du könntest auch anders werten und - in Form eines medienwirksamen Hungerstreiks gegen irgendetwas protestierend - beschließen, dass verhungern besser ist, als zum gegeben Preis zu überleben.

Aber in beiden Fällen handelst du und triffst die Entscheidung, welche dir unter den gegebenen Umständen als die beste von allen verfügbaren erscheint.

Anmerkung zur Rationalität

Bereits in einem früheren Beitrag habe ich darauf hingewiesen, dass ich nicht von einem "stets 'rational' seine Ziele verfolgenden Menschen" ausgehe. Ob der Mensch seine Wertung durch gründliches Nachdenken, aus dem Bauch heraus oder seiner Intuition folgend gewinnt, ist für die gemachten Aussagen nicht relevant.

Aber Achtung: Ich spreche hier von der Österreichischen Schule der Nationalökonomie. Die an den Schulen und Universitäten gelehrte Neoklassik verwendet sehr wohl das von dir zu recht kritisierte Rationalitätsprinzip.



Literatur

[Mises1940] von Mises, Ludwig; 1940; "Nationalökonomie. Theorie des Handelns und Wirtschaftens"

1 Kommentar: