Genug prokastiniert. Hier jetzt also der Folgeartikel zum letzten Rentenbeitrag (also dem Artikel, nicht die Zahlung :-)).
Zuerst möchte ich den Umstand hervorheben, dass unsere deutsche Rentenversicherung, wie bekannt sein dürfte, ein Umlagesystem ist. Das bei diesem System eingezahlte Geld wird nicht in einem Tresor bis zur Rente verwahrt und fließt auch nicht in Investitionen, wie Staats- oder Unternehmensanleihen, die später dann eine Rendite abwerfen würden; sondern es wird sofort wieder an die aktuellen Rentner ausgezahlt.
Das hat große Vorteile, weil es gerade auch die Schwachen absichert (oder zumindest sollte), die während ihrer Erwerbstätigkeit nicht die Mittel haben, um privat vorzusorgen, und vor großen volkswirtschaftlichen Katastrophen absichert, wie Finanzkrisen oder Kriegen, die angespartes Kapital binnen kürzester Zeit vernichten können. Deswegen ist ein Umlageverfahren gerade nach solchen Katastrophen eine gute Lösung, um schnell die Bedürftigen zu unterstützen, da sie die gerade erwirtschafteten Güter sofort umverteilt und keine jahrzehntelange Sparphase erfordert.
Allerdings müssen für dieses Umlageverfahren eben bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein und das ist vor allem eine verhältnismäßig große Einzahlerschaft.
Und wenn diese Einzahlerschaft schrumpft, während die Zahl der Empfänger steigt, dann wird dieses Verfahren langfristig nicht mehr lange bestehen bleiben können, wenn man nicht weitere Parameter dieses Verfahrens anpasst.
Mein Vorschlag war u.a. die Individualisierung des Renteneintrittalters und die damit für einige Berufe (vor allem Bürojobs) einhergehende Erhöhung dieser Grenze.
Jetzt kam in den Kommentaren die Frage auf, ob nicht Produktivitätssteigerungen durch Automatisierung auch Abhilfe schaffen kann.
Das bejahe ich sogar – allerdings vermutlich anders, als man erwarten würde. Denn ich sehe gerade in diesen Produktivitätssteigerungen die Möglichkeit für eine längere Lebensarbeitszeit. Wir dürften uns einig sein, dass ein 70-jähriger kaum noch mit einem Spaten eine Baugrube ausheben kann. Aber an den Steuerknüppeln eines Baggers dürfte ihm das schon viel leichter fallen. Auch erwarte ich in den nächsten Jahren weitere große Automatisierungssprünge, die es dann vielleicht sogar nicht mehr nötig machen, den Bagger selbst zu steuern, sondern ihm nur noch den Grundriss und die Tiefe vorgeben zu müssen. Auch die Entwicklung von Exoskeletten könnte die Tätigkeit in zuvor körperlich anstrengenden Berufen auch im fortgeschrittenen Alter ermöglichen.
Hierauf könnte jetzt die Frage folgen, warum denn aber nun die Senioren unbedingt selbst tätig werden müssen, wenn doch einfach all die Arbeit von den Jungen alleine geleistet werden kann und die einfach von ihrem höheren Einkommen einen höheren Anteil abgeben. Netto bliebe ihnen doch immer noch mehr als die Generationen vor ihnen hatten.
Dem würde ich entgegnen, dass der arbeitende Bevölkerungsanteil dass wahrscheinlich nicht so sehen wird, und mit steigender Belastung sehr wahrscheinlich sogar das Land verlassen würde, wenn man in anderen Ländern ein höheres Nettoeinkommen erwartet. Dieser Wegzug würde das Einzahler/Empfänger-Verhältnis noch mehr verschärfen. Diese "Flucht" der produktiven Bevölkerung könnte ein davon betroffener Staat natürlich durch den Bau einer Mauer verhindern, aber auf so eine Idee würde ja wohl kaum eine Regierung kommen.
Also ja: Produktivitätssteigerung durch Automatisierung halte ich für absolut notwendig, um mit der veränderten Demographie umzugehen, aber an einer Erhöhung des Renteneintrittalters werden wir trotzdem nicht vorbeikommen.
In den 90er Jahren gab es meiner Meinung nach eine positive Zukunftssicht. Das sah man u.a. in der Serie Star Trek The next generation. Heute dagegen scheint es nur noch pessimistische Blicke auf die Zukunft zu geben. Auch die aktuellen Star Trek Serien stellen eine düsterere Welt dar. Dies könnte zu einer selbst erfüllenden Prophezeiung werden. Gibt es in der aktuellen Popkultur noch Utopien?
Okay, anders. Wie alt sind Deine Eltern zum jetzigen Zeitpunkt? Welchen aktuellen Beruf traust Du Ihnen in ihrer momentanen Form zu welcher Wochenarbeitszeit zu? Als Bismarck 1889 das Renteneintritttsalter auf 70 Jahre festlegte, war die durchschnittliche Lebenserwartung kaum so hoch. Heute ist sie höher, aber körperlicher und geistiger Abbau sind dennoch da. Ich sehe mich mit 70 eigentlich nur in einem Berufsfeld... populistischer Politiker.
AntwortenLöschenDie Nachfrage nach populistischen Politikern dürfte nicht so hoch sein. Bei Anwälten, Lehrern, Künstlern, Ingenieuren, Wissenschaftlern, Ärzten oder Schauspielern könnte es da vielleicht besser aussehen.
AntwortenLöschenLehrer, gutes Stichwort. Kennst Du vielleicht Jemand, der jetzt anstatt RentnerIn nochmal gerne LehrerIn sein möchte?
AntwortenLöschenDu scheinst zu versuchen, mir erklären zu wollen, dass Menschen lieber mit 65 in Rente gehen wollen als mit 70. Die Energie kannst Du Dir sparen. Ich weiß, dass die Menschen im allgemeinen lieber eher in Rente gehen wollen als später. Ich weiß auch, dass das Arbeitsleid mit 70 höher ist als mit 65.
AntwortenLöschenIch weiß also, dass die Lebensqualität bei einer Erhöhung des Renteneintrittsalters abnehmen wird. Und nein, ich sehe deswegen eine Erhöhung des Rentenalters auch nicht positiv, weil ich ein Sadist bin, den es freut, wenn andere Menschen leiden.
Ich sehe die Erhöhung des Eintrittsalters als fast* unausweichlich, da mir die Alternative noch weniger gefällt: Der Kollaps des gesamten staatlichen Rentensystems und damit überhaupt keiner Rente mehr, nicht mit 70, nicht mit 80, nicht mit 90. Überhaupt nicht mehr.
Und bei dieser Aussicht, ziehe ich eine Rente wenigstens ab 70 vor.
* andere Möglichkeiten erörtere ich vielleicht demnächst in einem weiteren Beitrag zu dem Thema.
Ich weiß, dass Du kein Sadist bist. Und auch ich empfinde das System an vielerlei Punkten kurz vor dem Kollaps. Trotz allem ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass mindestens Einer von uns diese Rente nie erreichen wird.
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